Geschrieben am 23. September 2011 um 11:42

Mensch bist Du nervös. Diese Unruhe. Der ist nicht meditativ. Er gibt den Geläuterten und redet nur geschwollen daher. Er kommt aus dem Vermarkten nicht heraus. Wertedepp, dieser. Ja, nur wer wirklich Ruhe ausstrahlt, der hat auch das Recht, über die Ruhe zu reden.

 

Denn nur wer die Werte wirklich lebt, ist berechtigt, über die Werte zu sprechen. Nur wer ununterbrochen perfekte Schränke baut, darf sich Schreiner nennen. Ein weiser Mensch muß eine unendliche Ruhe ausstrahlen. Der wahre Meister ist nicht nervös und zappelt nicht mit selbstgefälligen Worten herum. Erleuchtung nennt man diese angeblich unerschütterliche Einsicht in den letztendlichen Sinn. Das Erreichen des  ultimativen Ziels. Ein Traum.

 

Mich selbst hat Erleuchtung nie interessiert. Ich habe viele Bücher darüber gelesen. An wie vielen Meditationsseminaren und Therapien ich während meiner eigenen Entwicklung teilgenommen habe, will ich gar nicht erst zu zählen anfangen, weil nicht die Masse der Erfahrung zählt, sondern ihre Qualität. Ich habe zwar theoretisch verstanden, was Erleuchtung ist. Doch nagt nach wie vor der Zweifel in mir, ob dieses Phänomen nicht etwas verbal Aufgetuntes ist. Eine Art Leuchtwurst, die vor dem Sinnsucher hängt. Immer wenn er nach ihr greifen will, schwingt sie blitzend auf die Seite. Denn allein der Griff nach dieser Wurst zeugt ja bereits von mangelnder Gelassenheit. Von Unzufriedenheit mit sich selbst. Von mangelnder Ruhe. Nein, das ist nichts für mich. Denn irgendetwas an meiner Unruhe, meinem immer wieder aufkeimenden Fighten, meinen Fehlern und nie enden wollenden Unzulänglichkeiten habe ich im Laufe der Zeit lieber mögen gelernt, als diesen angeblich so viel Glück bringenden, still ruhenden und irgendwie künstlich wirkenden See.

 

Erleuchtung, wie man sie bei Buddha, Krishnamurti oder Osho liest, oder gerne auch mal auf den Seminarleiter eines Meditationskurses projiziert, ist vielleicht einfach ein Entwicklungszustand enormer spiritueller Reife und Erfahrung. Jeder Meister ist auch ein Mensch. Jedes andere Verständnis ist naiver Blödsinn. Daß der keine menschlichen Regungen mehr hat, nichts mehr falsch macht, alles weiß und nur noch innerlich vor Ruhe strahlt, halte ich für ausgeschlossen. Das würde auch meinen eigenen Erfahrungen mit den Meistern entsprechen, die ich persönlich kennenlernen durfte. Ein Meister ist ein Spiegel.

 

Ich halte es für ausgeschlossen, dass man sich von etwas trennen kann, was in einem selbst drinnen ist. Das Umgekehrte wäre der bessere Weg. Akzeptanz. Diesen Weg versuche ich mit allen Schwächen, die ich habe, zu begehen. Wenn Unruhe in mir ist, so ist eben Unruhe da. Wenn Kampf in mir ist, so ist Kampf da. Und wenn ich mit den Werten nicht perfekt leben kann, so ist das eben so.

 

Die Werte dürfen keinem Perfektionsanspruch unterliegen. Sonst werden sie zur Doktrin und damit zum Brennstoff möglicherweise gefährlicher Entwicklungen.

 

Dahinter stehe ich. Auch wenn sich die Leute noch so sehr darüber aufregen, daß einer, der so ein Buch geschrieben hat, nicht ununterbrochen von der wertvollen Perfektion in seinem Leben berichtet, sondern sogar umgekehrt, von seinen Unzulänglichkeiten erzählt. Aber all dies disqualifiziert mich doch nicht, an diesem Leben als normaler Mensch teilnehmen zu dürfen und über die Dinge, die mich tief interessieren, zu reden. Ich bin ein Mensch. Heute unruhig, morgen wieder weniger. Heute genervt, morgen pudelwohl. Ja, es ist ein Teufelskreis. Aber nur, wenn ich mit mir um all dies ringe und kämpfe, als gäbe es etwas zu gewinnen. Wenn ich damit aufhöre, verwandelt sich der Teufelskreis in das einfache Pulsieren meines Lebens. Manchmal gelingt mir das. Immer nicht.

 

Ruhe existiert nicht automatisch für immer und einfach so. Sie ist ein Prozeß wie alles andere auch und sie unterliegt der Veränderung. Sie ist das Gegenteil von Unruhe. Genauso wie Weisheit das Gegenteil von so etwas wie Naivität oder Nichtwissen ist. Im Spannungsfeld all dieser mit begrifflichen Images behafteten Polaritäten liegt der Lösung letzter Schluß mit Sicherheit nicht. Nein, der ununterbrochenen Ruhe bin ich nicht fähig. Ich bin nicht perfekt. Aber ich versuch halt trotzdem alles, was geht. So what.

 

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)