Ein stolzer Mensch

Gestern habe ich meinen Verleger im Cafè Puck getroffen. Noch bevor die Kellnerin mit der Brezel meinen Tisch erreichte, hatte er mir schon das erste Exemplar meines Buches überreicht. Es war in eine durchsichtige Plastikfolie eingeschweißt. Ich glaube, ich habe mich ein wenig daneben benommen, indem ich sie mit einer Gabel aufgerissen habe und nicht mit dem Daumennagel, so wie man das macht mit solch jungfräulichen Büchern. Ich schlug es auf und der kernige Duft von frisch bedrucktem Papier berührte für wenige Momente meine Erinnerung: Ich habe einen großen Film produziert und viele kleine. Als handfestes Ergebnis standen ein paar klapprige Videokassetten in meinem Bücherregal. Man nannte mich Produzent, aber ich fand, mit den Produzenten muss es so sein, wie mit den Schreinern: Nur, weil einer ein paar Schränke gebaut hat, ist er noch lange kein Schreiner!  Später, als die Zeiten moderner wurden, gerieten meine Arbeitsergebnisse immer kleiner, obwohl der Aufwand der gleiche blieb oder wegen der explodierenden Megakommunikation sogar größer wurde: Statt Videokassetten hielt ich schmächtige DVDs in der Hand, deren Plastikhüllen beim Öffnen leicht auseinanderbrachen, wenn man sie nicht extrem vorsichtig anfasste. Und das, obwohl die Filme oft Unsummen gekostet haben. Schließlich verschwanden meine Produktionen in den virtuellen Welten oder auf Festplatten und ich konnte sie nicht einmal mehr anfassen. Es gab plötzlich so viele Produktionen von so vielen Menschen, daß mir meine Werke bedeutungslos vorkamen, wie einzelne Tropfen Wasser in einem weiten Meer. So hörte ich auf mit all dem und zermarterte mir den Kopf, warum ich nicht wirklich stolz sein konnte. Ich konnte nie genießen, was ich gemacht hatt und deswegen habe ich gegenüber den zu meinen Tätigkeiten passenden Berufsbezeichnungen eigentlich immer eher gefremdelt, als mich mit ihnen identifiziert. Ob ich Fernsehshows hergestellt habe, verrückte PR-Kampagnen inszeniert habe oder ob es Menschen waren, deren Karriere ich managte – meine Arbeitsergebnisse reichten nie an das Gefühl heran, das ich hatte, als das erste Mal die Seiten des selbstgeschriebenen Buches aufschlug, das mir mein Verleger mit einem freundlichen Lächeln über den Tisch geschoben hatte. –  Ich hatte einmal einen Baum gepflanzt, weil ich gehört hatte, ein richtiger Mann muß im Leben wenigstens einen Baum pflanzen.  Der Baum ist eingegangen, so habe ich mehrere gepflanzt. Aber trotzdem ist mir nicht klar geworden, warum ‘ein Mann einen Baum pflanzen soll’.  Aber warum ich bereits ein zweites Buch schreibe, das weiß ich jetzt. Ich fühle mich zwar nicht wie ein Autor oder ein Schriftsteller, denn dazu muß man glaube ich unendlich viele Bücher geschrieben haben, mit Auszeichnungen und Preise geehrt worden sein und wahrscheinlich auch eine dazu passende, hochkarätige Ausbildung genossen haben. Nein, ich werde deswegen ein zweites Buch schreiben, und ein drittes und ein viertes, oder vielleicht sogar ein Riesenbuch, weil mich das Schreiben glücklich macht. Ich finde, Schreiben ist Freiheit. Danach habe ich gesucht. Und wenn mir mein Verleger mein Buch überreicht, dann fühle ich Stolz und ich vergesse minutenlang sogar die Brezel, die auf meinem Tisch steht und das will wirklich etwas heißen. Ich habe es mein Leben lang vermisst, mich stolz zu fühlen. Und ich wußte nie wirklich, was ich bin. Jetzt weiß ich es: Ich bin ein stolzer Mensch.

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