Geschrieben am 11. November 2016 um 22:08

Nun ist unserer Welt Trump widerfahren. Es wurde ein politisch völlig unerfahrener Geschäftsmann und Talkshow-Randalierer zum Präsidenten der USA gewählt, dem mächtigsten Land der Welt.
Am unglaublichsten aber ist, dass er offen lügen, beleidigen, sich aufführen konnte, ohne dass seine Beliebtheit Schaden genommen hätte, und dass die Wähler Trump nicht nur in Kauf nehmen, sondern ihn sogar zum Heilsbringer hochstilisieren, ihm jeden Mist abkaufen, den er von sich gibt, und ihm jede Schweinerei verzeihen.
Es ist, als wäre für die amerikanische Mehrheit nicht eine intellektuelle, erfahrene Politikerin wie Clinton das kleinere Übel gewesen, sondern ein grobschlächtiger, unkalkulierbarer, unehrlicher Rüpelkandidat. Das kleinere Übel in dieser Auswahl zweier Kandidaten war für sie Donald Trump.

 

Und genau hier sollte unser Aufwachen einsetzen: Die etablierte Politikerkaste und die bestehenden Strukturen sind vielen Menschen derartig verhasst und unglaubwürdig geworden, dass bar jeder Vernunft ein Reflex einsetzt, der alles andere, nur nicht mehr das Bestehende, haben will. Selbst unser Frieden ist so wenig wert geworden, dass man ihn aufs Spiel setzt, nur für die Chance auf eine Veränderung, fast egal wohin.
Das ist ein in höchstem Maße gefährliches Klima für unsere Demokratie und unsere Freiheit. Es zählen keine Argumente mehr, sondern Emotionen. Der grobe Bauchinstinkt geplagter und frustrierter Menschen ist aber etwas gefährlich Unreflektiertes und neigt zu groben Fehlschüssen.

 

Ob das unser politisches Etablissement sieht? Ich bezweifle es. Ihnen sind doch schon seit Langem die Argumente ausgegangen, Vertrauen und Gewissheit in ihr Wirken zu schaffen. Es kann nicht sein, dass man einer populistischen Bewegung wie jener, die sich seit geraumer Zeit bei uns breit macht, nur mit Ignoranz, Häme und Quatsch-Demonstrationen begegnet.
Kaum einer unserer Politiker traut sich in diesen Ring. Wer traut sich oder vermag es schon zu sagen, wo es eigentlich hingehen soll mit unserer hypermodernen, superglobalisierten Minetrone aus wirtschaftlichem Exzess, politischem Chaos, populistischer Bedrohung und der Visionslosigkeit eines Jahrzehnts, bei der man sich fragen mag, warum und wozu es unsere Dichter und Denker, unsere philosophischen und kulturellen Vorbilder überhaupt gegeben hat.
Vielleicht ist die Bedeutung unserer Vorbilder durch jene Woge hinweggespült worden, mit der auch ich diesen Kommentar in die Welt hinausschreien will: Dem Chat-Tool. Es wird wenig Wirkung haben. Denn mit der Inflation unserer Kommunikation ist das Gesagte eines Einzelnen so klein, so unbedeutend und so vergeßlich geworden ist, wie das noch nie der Fall war. Dennoch sollten wir alle viel mehr aufbegehren und kommunizieren. Ja, und uns auch mit denen konfrontieren, die wir – oft auch in diesen Foren – mit Verachtung und Ignoranz strafen.
Amerika ist nicht nur das Wetterleuchten eines Ungewitters, dessen Ausmaße wir nur schwer erahnen können. Es ist bereits die Realität einer beginnenden Katastrophe. Jede andere Annahme wäre Schönmalerei oder naiv.
Wetterleuchten gabs bereits vor Jahren: als Putin in die Ukraine einmarschiert ist, als kaum jemand etwas dagegen tat; als Tausende offen gegen Juden demonstrierten, nachdem Israel wegen der Ermordung zweier israelischer Jungen durch palästinensische Kommandos in deren Gebiete einmarschiert ist; als Erdogan bereits vor Jahren am Taksin-Platz alles niedermetzelte und man hier gerade mal ‘Um Gottes Willen’ sagte und sich anschließend wieder wohlig in der eigenen Freiheit räkelte.

 

Mittlerweile hat sich die Pegida bei uns etabliert. In den Nachbarländern blähen sich ungehindert und ohne nennenswerte Gegenargumentation populistische Bewegungen auf. Bis heute kommuniziert unsere Regierung nicht in klar verständlicher, einleuchtender und überzeugender Weise, wohin sie mit diesem Ungemach steuern will und wie sie das vor allem tun will. Damit meine ich auch die Flüchtlingsproblematik, deren Lösung sich nicht darin erübrigen kann, dass man Erdogan – egal, was er tut – hinten und vorne hineinkriecht, um diese Türkei-Verträge aufrecht zu erhalten. Auch das ist ein gefährliches kleineres Übel. Während ich ihre konsequente Haltung in dieser Sache einst bewundert habe, so habe mittlerweile die Nase voll von Merkels Flickerlteppich-Politik.

 

Wir sind zu eingebildet geworden, zu selbstverliebt, zu verblendet, wir sehen nicht in seiner vollen Dimension, was sich da zusammengebraut hat.
Was Trump mit seiner ‘schweigenden Mehrheit’ immer gemeint hat, genau das gibt es längst auch bei uns. Und auch bei uns werden Kandidaten herumpoltern und -lügen können, ohne dass sie Wählerschaden leiden. Es muss nur plötzlich einer mit einem demagogischen Potential dastehen, dann haben wir den Salat. Warum sollte etwas, was in den USA geht, nicht auch hier funktionieren? Nur wird uns nicht ein ‘Trump’ widerfahren, sondern etwas anderes. Ich will nicht wissen, was das sein wird, aber ich bin zutiefst beunruhigt. Heute mag uns Merkel und Co noch als ‘kleineres Übel’ erscheinen. Doch morgen steht plötzlich einer da, der herumdröhnt, der alles besser aussehen läßt, und davor Gnade uns Gott. Man möchte hoffen, dass doch noch mal einer dagegen steuert, gegen diese kleineren Übel! Und dass es nicht nur bei dieser Hoffnung bleibt, sondern auch Taten folgen. Diese Aufforderung richtige ich letztlich auch an mich selbst.

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)