Angela Merkel hat es gesagt: “Auch ich war schuld.” Die Selbstkritik der Kanzlerin offenbart, woran es bei der gesamten Debatte schmerzhaft fehlt: eine differenzierte, nach vorne blickende Kraft, auch den eigenen Standpunkt unter die Lupe zu nehmen, eine Vision, die Richtung weisen könnte. Und ein Versuch, zu verstehen, was zur Zeit wirklich geschieht. Das kann man nicht, indem man immer nur auf die anderen, auf die Bösen schaut, bleckt und mit Fingern zeigt. Verstehen zu versuchen beinhaltet, dass man sich selbst hinterfragt oder sogar in Frage stellt.

 

Aussagen, wie sie in der letzten Zeit immer wieder zu hören waren, wie “Die Ausländer tun uns doch nichts”, “Wir haben es doch auch trotz der Million Flüchtlinge gut” oder wie manch einer schreibt “hier herrscht weder Mord noch Totschlag” reichen bei weitem nicht. Sicherlich sollen die Flüchtlinge bei uns willkommen sein. Doch die Wurzeln der Debatte liegen woanders: 
Ist es nicht offensichtlich, drängt sich uns mit all diesen mittlerweile seit Jahren bis zum Erbrechen geführten Debatten nicht sogar schmerzhaft auf, dass eine enorme Unzufriedenheit in der Bevölkerung herrscht, und zwar parteiübergreifend, sowie gesinnungsübergreifend – nicht nur der deutschen, sondern auch in der europäischen Bevölkerung, was naheliegenderweise europaweite Synergieeffekte zur Steigerung der Mobilisierbarkeit der Unzufriedenen in sich birgt, und dann wie eine ‘populistische Verschwörung’ wirkt? Diese Realität scheinen aber weder die angestammten Parteien, noch die zahlreichen populistischen, wie antipopulistischen Debattenteilnehmer wahrhaben zu wollen. Sie alle sind verheddert in der Fesselung ihrer eigenen Reaktionen. Sie befreien sich nicht, etwa durch neue Visionen.
Indem wir diese neuen Bewegungen so undifferenziert betrachten, machen wir solche unausgegorenen und lärmenden, aber extrem erfolgreiche Parteirichtungen wie die AFD erst richtig stark, sie werden so zu einem Gewicht in einer Waagschale, nämlich auf der uns gegenüberliegenden Seite. Wollen wir eine solche neue Polarität? Ist es nicht eine Schande, dass in einer Gesellschaft, die sich der ‘Dichter und Denker’ rühmt und zu den Elfenbeintürmen der Weltkulturen zählt, eine inhaltslose und reaktionäre Partei mit fliegenden Fahnen auf dem Vormarsch ist, und wir selbst, die wir uns für so kulturell halten, wie die hypnotisierte Schlange, so gelähmt, daneben stehen?
 
 
Indem wir sie stoisch wegen ihrer ausländerfeindlichen und dünnbrettmäßigenen Politik als rechtsradikal und populistisch abtun, und es in der Debatte immer wieder nur darauf zu reduzieren, darin birgt sich die wirkliche Gefahr: Durch unsere eigene Sichtverengung entgeht uns, was sich da wirklich zusammenbraut, und warum sich das alles so entwickeklt. Warum sonst sind wir nach dem dritten phänomenalen Aus-dem-Stand-Wahlsieg der AfD immer noch so konsterniert und schockiert?
Indem wir diese Entwicklung und Teilnehmer von Bewegungen wie der AfD hämisch als unprofessionell und populistisch = nicht ernst zu nehmen abtun, werden wir selbst zu Populisten, weil wir auf die Populisten nur noch populistisch reagieren. Durch unsere eigene, flache und abwehrende Umgangsweise mit diesen Leuten stellen wir uns auf das gleiche Niveau und geben den anderen die Chance, größer zu werden.
Ist von unserer, sowie von der politischen Seite auch nur eine einzige ernstzunehmende inhaltliche Idee gekommen, mit welcher die AfD-Argumente ausgehebelt werden konnten? Nichts, nur immer dieses mit dem Finger auf ‘diese Populisten’ weisen.
 
 
Wir suhlen uns in unserer mitunter pseudo-differenzierten, allzu oft weit über die erforderlichen Entscheidungs-Zeitlimite hinaus abwägenden und in sich selbst steckenbleibenden Demokratie. Wie schnell die weg sein kann, haben wir gerade am Beispiel der Türkei gesehen, das geht über Nacht. Wir rühmen uns unserer Intellektualität, sind aber selbst zu einer angemessenen Auseinandersetzung mit Hilfesuchenden und überraschenden politischen Strömungen nicht in der Lage. Wir stecken fest in einem alles überragenden, aber in sich selbst verfangenen Freigeist und einer scheinbar unschlagbaren, aber richtungslosen Toleranz, als würde das ausreichen, um die Erfordernisse, welche unsere Gesellschaft an uns stellt, zu erfüllen. Und wir erfreuen uns über uns selbst wegen unserer alles aufnehmenden Offenheit, haben es aber verlernt, uns selbst Grenzen zu setzen.
Zwei berühmte Zitate, die unsere europäische Kultur kennzeichnen, und die zu unserer Situation passen, stammen von einem Deutschen und einem Franzosen. Das eine hat Goethe einmal gesagt:
“Toleranz sollte eigentlich nur eine vorübergehende Gesinnung sein: sie muß zur Anerkennung führen. Nur zu Dulden heißt beleidigen.”
Und Voltaire sagte: “Je ne suis pas d’accord avec ce que vous dites, mais je me battrai jusqu’à la mort pour que vous ayez le droit de le dire”, was sinngemäß heißt: “Ich bin nicht einverstanden mit Ihnen, aber ich werde bis zum Tod verteidigen, dass Sie sagen dürfen, was Sie sagen”.
Ich frage mich, ob wir mit unserer Haltung in der aktuellen Debatte solchen Werten noch gerecht werden. Hat unsere Toleranz eine Richtung, die zur Anerkennung führt? Akzeptieren wir wirklich, dass sich die anderen äussern, und: Versuchen wir wirklich zu verstehen, was sie meinen, ich meine damit, versuchen wir hinter die Kulissen ihrer Worte zu schauen? Und unserer eigenen Haltung dazu?
 
 
Ich meine nicht, dass man Flüchtlingen Grenzen setzen muss. Vielleicht muss man das, vielleicht nicht. Ich meine auch nicht, dass man zum AfD-Versteher werden muss.  Mir dreht es sich hier um etwas Anderes: Um unsere eigenen Grenzen, um uns selbst, um Selbstdisziplin und die Fähigkeit, genau hinzuhören, hinter den Gaukelschein kommunikativer Vorgänge zu sehen, sich selbst zu hinterfragen, und die visionöre Kraft, das Ziel und die Richtung der eigenen Vorwärtsbewegung zu bestimmen. Integration bedeutet nicht nur, die Gäste zu integrieren, sondern auch die durch diese ausgelösten Turbulenzen ins eigene neue Universum zu integrieren und nicht aus Hilflosigkeit oder Angst einfach abzuweisen (wie es die AfD, aber auch viele andere tun). Letztlich erhebt die Entwicklung der letzten Jahre den Anspruch, uns selbst neu zu bestimmen, unsere neue Welt zu erkennen, und auch uns selbst in diesem neuen Umfeld neu zu integrieren. Wir befinden uns in einem grenzübergreifenden, gesellschaftlichen Selbstfindungsprozess, bei dem jeder Einzelne gefordert ist. Leider kommen von politischer und kultureller Seite nur wenig Impulse dafür.
 
 
Indem wir diese Selbstfindung nicht betreiben, stecken wir aber fest. Dass diese Fähigkeit unserer Gesellschaft verloren gegangen ist, ist ein Armutszeugnis für unsere deutschen und auch europäischen “Werte”, dieses Elfenbein-Biotop unserer Kultur, in dem sich unsere wissenschaftlichen, politischen und kulturellen Institutionen viel zu lange ausgeruht haben. Visionslos, wie uralte kraftlose Menschen, die keine Zukunft für Neues mehr für sich sehen, deuten wir mit altersstarren Fingern nur noch auf die anderen. Schwach.
 
 
In diesem Lichte war Angela Merkels Entschluß zu diesem “Wir schaffen das” ein mutiger, frischer und befreiter, nach vorne blickender Schritt, der so beherzt kam, wie man sich es von einer kraftvollen, menschlichen und weitblickenden Staatschefin nur wünschen kann. Der Satz “Wir schaffen das” war eine weise Aussage, so wie sie ein Politiker, der seinem Volk Mut und Zuversicht verleihen will, machen muss. Und es war eine richtige, die einzig richtige Entscheidung.
Dass manch einer nun im nachhinein Merkels Spruch ‘naiv’ nennt, ist ungerecht und falsch. Die Kanzlerin ist mit Recht davon ausgegangen, dass es ein “wir” gibt. Und es ist klar, dass man es, wenn es denn ein ‘wir’ gibt, auch schaffen kann. Obendrein scheint es so, dass wir es tatsächlich schaffen würden, wenn wir wenigstens mit dieser weit in andere Themenbereiche ragenden, auf der einen Seite gräßlich zweifelnd und auf der anderen besserwissend geführten Debatte zu Rande kämen.
Wäre unser Europa intakt, hätte es ein ‘Wir’ für Angelas Merkels Entscheidung gegeben. Würde es unsere deutsche Hochkultur wirklich geben, hätte es auch bei uns ein ‘Wir’ gegeben. Nein, es war nicht ‘naiv’, was Merkel sagte. Wir selbst sind naiv, wenn wir glauben, dass wir uns weiter auf unserer sogenannten Kultur ausruhen können.
 
 
Mit dieser festgefahrenen Einstellung, in der wir immer auf die anderen deuten und nie mehr zu uns selbst hinsehen, befindet sich Europa und auch Deutschland in einem der gefährlichsten gesellschaftlichen und politischen Zustände seit Langem. Die Situation mag durch die Irrlichter unseres Wohlstands immer wieder verbrämt werden. Aber wir sehen, wie schnell ungeheure Massen mobilisiert werden können und blind in eine Richtung rennen. Das ist brandgefährlich.
Das alles ‘uns geht es doch wunderbar’ zu nennen und dass ‘immerhin kein Mord und Totschlag’ herrsche, reicht nicht aus. Die Gefahr sind nicht die Flüchtlinge, die AfD, Frau le Pen, der Brexit oder irgendein Rechtspopulismus, all dies sind nur die Symptome. Wir selbst sind die Gefahr, indem wir uns so wohlig in unserer Rechthaberei räkeln, das Bestehende so starrköpfig schützen wollen und keine Entwicklung anstreben.
 
 
Mit ihrer aktuellen Äusserung, sie sei an dem Wahldebakel selbst mit Schuld, hat Merkel einen Schritt in die richtige Richtung gemacht: Sich selbst zu hinterfragen.
Es wäre gut, wenn das auch ganz viele dieser Diskussionsführer tun würden, und so dieser ganzen, oft furchtbar mühselig wirkenden Debatte einen Auftrieb, frische Kreativität, kulturelle Kraft und wirkliche Offenheit verleihen würden.
 

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)