Geschrieben am 18. Februar 2014 um 11:24
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Warum das schönste aller Gefühle kein Christbaum sein darf (diese Long Version eines Kapitels aus meinem Buch “DIE FRAU IN MIR” veröffentliche ich hier erstmals und widme sie einer wunderbaren Facebookgruppe – sie weiß schon welche ich meine…:)

 

Stellen wir uns in der Liebe nicht oft die gleichen Fragen, wie in der Arbeit? „Habe ich alles richtig gemacht, Schatz?“ Als würde sogar die Liebe ein einziger Prüfstand sein. Nur um dieses „es ist alles o.k.“ zu ernten, dieses „Du bist gut!“. Oder eben das: „Ich liebe Dich!“ Dieser Minisatz löst die absurdesten Verhaltensweisen und Reaktionen aus. Fast jeder Mensch jubelt innerlich, wenn er sein Lieblingsgericht vorgesetzt oder eine Traumreise angeboten bekommt. Mit Freude nimmt er dieses Geschenk an. Beim schönsten aller Gefühle ist das allerdings anders. Ja doch, es kommt vor, dass es Menschen brauchen und auch wollen, dass sie glücklich sind, wenn sie es gesagt bekommen. Sie geben zu, dass sie es genießen, wenn man ihnen sagt, dass man sie liebt. Andere fühlen sich aber durch die drei Worte entsetzlich eingeengt. Ihnen ist es zu viel, zu früh oder zu spät, wenn dieser Satz geäußert wird. Sie empfinden es meistens als unerträglich, wenn sie die vielbesungenen Worte hören. Für sie ist die Liebe so bedeutungsschwanger, dass jede Beziehung wie eine schwere Geburt ist. Aus Angst vor den Wehen haben manche die Worte noch kein einziges Mal in ihrem Leben über die Lippen gebracht. Leider gibt es für die Liebe aber keinen Kaiserschnitt. Und so bleiben solche Menschen oft ungeliebt. Besonders bei vielen jungen Leuten grassiert die Unart, dass sie sich besonders cool fühlen, wenn sie das ‚was sich liebt, das neckt sich‘ – Spiel auf die Spitze treiben und alles andere zeigen, als ihre Gefühle.

 

Es gibt sogar stumm liebende Menschen, die dem anderen mit gefühlstrunkenen Augen den Finger auf den Mund legen, damit der nur ja dieses Wort nicht über die Lippen bringt, weil er damit den heiligen Liebesmoment entweihen könnte. Andere wieder lieben heimlich. Sie sammeln Andenken und Souvenirs von ihren Angebeteten, als wären sie die Fans unerreichbarer Stars. Dabei bräuchten sie vielleicht nur ein paar Worte sagen und sie würden sich erleichtert in den Armen liegen.

 

Die Liebes-Paranoiker dagegen fürchten sich vielleicht, dass der andere einer von denjenigen sein könnte, die sich bei diesen Worten an den Hals greifen und sich plötzlich so eingeengt fühlen, dass sie reißaus nehmen und sich zur Strafe für eine längere Zeit nicht mehr melden. So ein kleines Sätzchen und so eine riesengroße Bedeutung! Dabei ist die Liebe doch kein Satz.

 

Bereits allein wegen ihrer ‚buchstäblichen‘ Dürre müssten die drei lächerlichen Worte mit ihrer Riesenbedeutung verdächtig auf uns wirken. Doch warum halten wir uns gerade in Liebesbeziehungen und Freundschaften an Wortkonglomeraten fest wie an Rettungsringen? Kaum regt sich irgendein unstimmiges Gefühl in der Magengrube, schon melden sich die unterschiedlichsten Worte zur Stelle. Begriffe, die wie bedeutungsschwangere Gesetze klingen, die der Liebe und der Freundschaft: Vertrauen, Treue, Verlässlichkeit, Nähe, Offenheit & Co. stellen unser Zusammensein auf einen schweren Prüfstand. Wie Sinkgewichte hängen sie an der Leichtigkeit, die das Gefühl der Liebe und der Zuneigung so wunderbar macht. Sie haben eine Aspirin-Wirkung auf die Liebe. Wir zermartern unsere Köpfe mit ihnen, halten sie uns gegenseitig vor:
„Kann ich Vertrauen zu Dir haben? Bist Du wirklich treu? Ganz wirklich?“ Und im Nu wird unsere liebestrunkene Seele nüchtern. Vorbei ist es mit dem Honeymoon. Wir haben gegen die schiere Gewalt der Worte verloren.

 

Als nächstes halten die Berechnung und der Anspruch ihren Einzug in das Liebesleben. Das Pünktlich- und Korrektsein beginnt. Das innerliche Aufrechnen des Gebens und Nehmens. Im richtigen Moment zu loben und sich zu beschweren. Der überdimensionierte Anspruch des ‚Annehmen‘ und ‚Zulassens‘, über das so viel Aufhebens gemacht wird. Das Einstecken und Zurückschießen. Das letzte Wort haben und Recht behalten. Erfolg haben. In Gesprächen genauso interessante Sätze sagen wie der andere. Sich zum Zuhören zwingen und das Gleiche vom anderen einfordern. Dann loben:
„Weißt Du, warum ich Dich liebe? Weil Du so schön zuhören kannst!“ Und immer etwas Gewinnbringendes zum Tag beitragen. Nicht nachlassen damit! Aber: Im richtigen Moment nachgeben oder hart bleiben. Innerhalb überschaubarer Zeiträume interessante Ideen gebären, kreative Gedanken äußern, Kinder kriegen, befördert werden, damit der Partner einen bewundern kann, und immer mehr und immer mehr verdienen. Wer putzt heute, wer hat gestern abgespült, wer hat wen als letztes wie oft angerufen und weswegen muss der andere jetzt mehr Initiative ergreifen. Abends joggen und Klimmzüge machen. Hart im Nehmen sein, denn das Leben ist ja ‚schwer‘. Jeden Tag mehr leisten und nur ja nicht durchhängen! Schließlich am Marathon teilnehmen, weil man sein Ziel dort draußen angeblich immer weiter stecken muss. Die Figur schlanktrainieren. Egal wie groß die Erschöpfung ist: Diese Beziehung muss länger gehen, als die letzte, besser sein, als die der anderen. Wir müssen das schönste Paar der Welt sein!

 

Oft wird die Liebe wie ein Wettbewerbsprojekt exerziert, bei dem es etwas zu gewinnen oder zu erreichen gibt. Ein glückliches Leben vielleicht. Kinder. Eine Traumfamilie. Und das gesamte Vorstellungsbrumborium, das an all dem hängt. In der Liebe lautet die stereotype Prüffrage nicht:
„Was machst Du zur Zeit?“ Sondern:
„Wie geht’s mit Deiner Beziehung?“ Sie wird einem überall gestellt. Beim Teetrinken im Cafè, beim Begegnen auf dem Gehsteig oder im Telefonat, bei dem man eigentlich nur mal ‚Hallo!‘ sagen wollte. Als müsste mit dem Partner immer etwas Besonderes geschehen. Als wäre es verboten, dass auch mal nichts passiert und man einfach davon ausgeht, dass alles in Ordnung ist. Leider ist es umgekehrt: Wir gehen davon aus, dass nichts in Ordnung ist. Womit sollten wir uns denn sonst beschäftigen? Die Traumbeziehung ist schon da, hier, jetzt? Unglaublich, dann müsste man auf die Frage antworten: „Wunderbar, so wunderbar, es ist alles o.k.!“ Doch leider muss es auch in Beziehungen immer etwas Neues zu berichten geben. Selbst in der Liebe. Immer, ständig neu und wechselnd. So entwickeln sich Liebe und Freundschaft manchmal zu zwanghaften Ritualen, in denen zwei Menschen voneinander unentwegt die Einlösung von Ansprüchen und das Erbringen von Leistungen einfordern.

 

Die wunderschöne Liebesbeziehung – sollte sie nicht der nährende und entspannende Teil unseres Lebens zu Hause sein? Wenigstens hier sollten wir uns doch entspannen können. Doch als wäre dem Leistungsdruck kein Ende gesetzt, leiden unzählige Menschen in ihren Beziehungen darunter, dass sie ihre Beziehung wie eine Herausforderung leben, in der es immer wieder neue Höhepunkte zu erreichen gilt. Muss nicht allzu oft die Zuneigung bekundet werden, damit der Hausfrieden gerade steht?

 

Die körperlichen Berührungen und Umarmungen zwischen uns Liebenden sind unter dieser Last oft zu Bestätigungsmechanismen degeneriert. Sie haben ihre Frische und ihre Atemlosigkeit verloren. In ihrer stereotypen, täglichen Ausübung signalisieren sie nur noch, dass ‚alles in Ordnung ist‘, anstatt dass sie das Bedürfnis nach Nähe und Wärme befriedigen, welches mal da ist und dann mal wieder nicht, ganz unregelmässig, und deswegen immer wieder so überraschend schön.
Und dann die Geschenke, die man sich in der Liebe und in Freundschaften gegenseitig immer wieder überreichen muss. Dieser Aufmerksamkeitskult. Wehe, es kommt zu dieser Äusserung: „Er hat mir schon so lange nichts mehr geschenkt!“
Schließlich muss man sich den Partner auch etwas kosten lassen, damit er nicht denkt, man gibt sein Geld immer nur für sich selbst aus. Liebe und Großzügigkeit gehen hier Hand in Hand. Große Geschenke kosten Geld. Und Mühe. Immer wieder mal einen Ring kaufen. Tagelang ein Bild malen. Die Straßen durchpflügen nach dem allerrichtigsten Geschenk, mindestens eines zu jedem der vielen Jubiläen, und auch darüber hinaus sollte es immer wieder Überraschungen gehen. Zum Diner ausführen. Gut kochen. Wenn der eine das letzte Mal bezahlt hat, muss heute der andere zahlen. Den emanzipierten Partner spielen oder zumindest die Idee, die man von einer solchen Figur hat. All dies natürlich ohne Druck. Ganz locker! Und aufgepasst: Bei nichts zu zwanghaft, drängend und unnormal zu sein. Oder zu wollend. Bloß nicht zu viel klammernd! Schnauf!

 

Ein besonderes Augenmerk benötigt auch das körperliche und das erotische Zusammenleben: Möglichst intensiv und zärtlich den Sex gestalten. Mal oft, mal fast zu wenig, damit wieder ein Bedürfnis entsteht. Mal abenteuerlicher. Danach kuscheln, also nicht gleich aufstehen und etwas anderes machen. Frühstück ans Bett bringen. Morgens herzliche und umso später der Tag war, immer intelligentere Gespräche führen. Auch mal streiterische Reibung hineinwürzen. Manche Menschen praktizieren in ihren Beziehungen sogar die Philosophie, sich ihrem Liebespartner nie ganz zu öffnen, nicht einmal im Bett. Damit wollen sie erreichen, dass der Andere immerwährend etwas von ihnen will.

 

Die Liebe ist aber kein Prüfstand. Sie hat kein Grundgesetz, in dem steht, wie man sich zu verhalten hat. Sie ist ein wildes Gefühl. Ein mutierendes, loderndes, wechselndes, immer wieder anderes Phänomen. Ist sie überhaupt ein Gefühl? Kann man sie fühlen? Oder fühlt man beim Lieben nicht alle möglichen verschiedenen Gefühle, solche wie die Begierde, die Akzeptanz, die seelische Umarmung? Vielleicht ist es angemessener, die Liebe einen Zustand zu nennen. Einen immerwährenden, der wie ein gigantisches Gefäß unsere Gefühle und unser Leben einfasst. Oder einen Raum, zu dem wir manchmal keinen Schlüssel haben und einen Partner brauchen, mit dem wir das Feuer entzünden können, das die Eingangstüre niederbrennt. Doch auch dieses Bild ist der Liebe nicht würdig.

 

Ich habe nämlich einmal geliebt, ohne dass ich einen Partner dafür brauchte. Es war während eines Spazierganges am Meer. Ich sah hinaus auf das blaue Wasser, spürte die Sonnenstrahlen in meinem Gesicht brennen. Plötzlich nahm ich das Kräuseln der Wellen wahr. Es war, als würde es mitten in mir drinnen stattfinden. Dasselbe Gefühl wie das Verliebtsein loderte plötzlich in mir. Und das ohne jede Scheu. Ich hätte keine Angst gehabt, dem Meer und den Sonnenstrahlen frank und frei zu sagen:
„Ich liebe Dich!“ Aber ich dachte diese Worte nicht einmal. Denn diese Liebe war so unermesslich umfassend, dass ich mich in ihr buchstäblich aufgelöst hatte. Es drehte sich nicht mehr um eine Bestätigung, wie: „Ich Dich auch.“ Sie war bar jeder Erwartung. Ohne irgendeine Regel. Unbesetzt, unbelegt, frei. Die Liebe ist die Freiheit. Sie ist ihr Diamant. Jeder Versuch, sie einzufangen, einzugrenzen oder mit Worten zu kategorisieren, wäre ein Versuch, sie zu bändigen, der zur Folge hat, dass sie sich befreit und entflieht.

 

Was wir in Beziehungen oft leben, hat nicht mehr viel mit Liebe zu tun. Das sind automatisierte Rituale geworden, die wir mit Klischees erfüllen. Mit dem, was wir uns unter der Liebe vorstellen. Wir versuchen, die Liebe zu zähmen, ihr unsere Ansichten aufzuzwingen, genauso, wie wir es mit unseren Freunden und Lebensgefährten tun. Das wird uns zur immer schwereren Last. Viele wollen deswegen ausbrechen. Sie gehen fremd, sie trennen sich, oder sie wollen gar keinen Partner mehr und auch nicht mehr lieben. Wir schmücken die Liebe mit Beziehungs-Worten, wie Christbäume, die nie abgeräumt werden und die eigentlich nach der Weihnachtszeit längst entsorgt werden müssen. Da sie all ihre Nadeln verloren haben, hängen wir immer mehr Verzierungen an sie, beladen sie über mit unseren Erwartungen, Plänen und Wünschen. Bis der Baum nicht mehr sichtbar ist, sondern nur noch ein unentwirrbarer Haufen zusammengequetschter Unrat aus unseren Köpfen.

Vielleicht ist die Monogamie zu klein für dieses riesige Gefäß der Liebe.

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)