Geschrieben am 17. September 2013 um 18:49

Gut geht’s uns hier, oder? Muss man nichts mehr machen. Freiheit, also latsch ich mal wieder rüber zu dem Wahllokal am nächsten Sonntag. Da wir aber alles haben – was sollten wir dann noch kritisch betrachten? Halt ein Demokratie-Kreuz machen.

 

Sich beschweren, ja, das geht auch noch. Das ist wenigstens so eine Art Protest-Aktivität. Sie gaukelt Engagement vor. Es gibt immer was, worüber man sich beschweren kann. Die grässlich einfältige Wahlkampagne beispielsweise. Diese brunzdämlichen Wahlsprüche, die clownesk anmutenden Polit-Gesichter. 99 Prozent, so scheint es, sind männliche Polit-Dumpfköpfe. So wirken jedenfalls diese Plakate und ihre Wortergüsse. Sie sollten mal eine 50 Prozent-Frauenquote in der Politik durchsetzen. Die weiblichen Polit-Köpfe auf den Plakaten sehen nämlich bei Weitem nicht so bräsig aus, wie die männlichen.

 

Ja, und es gibt noch viel mehr, worüber man sich beschweren könnte. Ganz leicht. „Der Raub-Kapitalismus muss weg“, hatte kürzlich wieder einmal einer gesagt. Stimmt. Finde ich auch. Aber wie? Die Reichen abschaffen, aber wohin führt das dann? Das Reichwerden abschaffen, aber Reichsein, das wollen doch viele insgeheim. Also was dann?

 

Ich gebe ganz offen zu: Ich mag diese auf zwei Stars hochstilisierte Wahl gar nicht. Zwei Protagonisten aus einem Lager, das eigentlich mittlerweile ein und dasselbe ist. Ein paar Miniparteien, die sich aus Stimmenfanggründen auf Splitterthemen fokussieren. Die Roten und die ehemaligen Schwarzen, die sich jetzt zu den Blauen zu stilisieren versuchen. Diesen farblichen Prozess haben die Roten versäumt. Sie werden deswegen vielleicht die Wahlen verlieren. Aber wo haben wir die wirkliche Wahl? Merkel oder Steinbrück. Die schweigende Sich-aus-allem-Heraushalterin und der möglicherweise kommende Staatsmann, ein Allround-Zyniker, der mit dem Stinkefinger auf Wählerfang geht, um an den Proll zu appellieren, und dann sagt, „ich hätte gerne zwei Wochen Wahlkampfverlängerung“, vielleicht um sein Theater zu erklären, eine Karikatur-SPD ist das. Weit entfernt von einer Vision, wie unsere Welt wirklich besser werden könnte.

 

Genauso geht’s mir mit der CDU. Dieses ständige sich an alle Meinungen angleichen, es ist so abgestanden opportun, so bekannt, so abgedroschen. Es dreht sich nie um die Menschen, weil diese Politiker keinen Kontakt zu ihnen haben und auch nicht wie wir Menschen leben. Die herausgehobene Welt, in der sie leben, taugt nicht als Reibungsfläche, um ein Gefühl fürs Volk zu bekommen.

 

Über all diese Dinge kann man sich beschweren. Auch über Farben beispielsweise. ‚Rot‘ ist doch längst überholt. Oder dreht es sich hier um Kommunismus oder Sozialismus. Sollte sich die SPD nicht einmal einem kompletten Image- und Inhaltsrelounge unterziehen?

 

Und um über die CDU herzuziehen, brauche ich auch nur ganz wenige Beschwerde-Worte: Dieses ständige Aussitzen, dieses unerträgliche lächelnde sich zwischen den Zeilen halten. Ich hasse diese grienenden Wahlgesichter vor hellblauem Hintergrund, von denen sich die jüngeren den oberen Hemdknopf aufgemacht haben. Die Verwendung dieses Blau’s als Parteifarbe verdirbt meine Liebe für den Blick in den Himmel. Ich will bei Blau an Himmel und an Meer denken, nicht an CDU und dieses Grienen. Man sollte der Partei dieses Blau untersagen. Man verbindet es plötzlich mit Taktieren, keine Stellung beziehen, zu jeder Meinung in der Lage sein. Grässlich einfach das alles. Und dass die Merkel wirklich immer diese Kostüme mit den drei Knöpfen trägt, finde ich so unaushaltbar, dass ich diese Frau als Bundeskanzlerin mit ihrer Drei-Knöpfe-Politik (Motto 1: „wir regeln alles“, Motto 2: „ich regle alles“, Motto 3: „alles regelt sich von alleine“) und auch in dieser Kleidung nicht mehr sehen will.

 

Sie ist einfach ganz entsetzlich, diese politisierte Teilnahmslosigkeit. Ihr fehlt jegliches Wertgefühl für die Vorbildhaftigkeit, die ein politisches Regierungsteam haben sollte. Das sollte beherzigen: „So wie wir sind, so strahlen wir auf das Volk aus.“ Und mit was für einem Volk haben wir es nach acht Jahren Merkel und etlichen Jahren Schröder, also diesen beiden ein paar Millimeter voneinander entfernt liegenden Parteien, zu tun?

 

Ich habe Freunde und Bekannte aus vielen Schichten und sozialen Millieus. Ich bewege mich in ziemlich unterschiedlichen Welten, das kann ich wirklich sagen. Doch ich erlebe eines immer mehr gleich, bei allen, überall. Es ist mir sogar seit jüngerer Zeit ganz besonders aufgefallen: Dieses dumpfbräsige Nicht-mehr-Wissen-Wollen. Man findet einfach alles Scheiße. Man weiß nicht, was, aber man fühlt sich unwohl. Dann sagt man wieder: „Aber es geht uns doch gut!“ Man darf ja nicht zu schlecht reden, weil doch alles so Super ist. Wir sind eingelullt und eingenordet in eine Art sich-zwischen-den-Zeilen-halt-Verharrung. Und worüber sollte man denn aus so einem Zustand heraus total engagiert reden? Klatsch, Tratsch, und ein bisschen intellektuelles Gewäsch über die Lage.

 

Es ist ja in manchen Gesprächen schon fast etwas Asoziales, wenn man ein Problem hat oder dieses formuliert. Weil dann dieses Vokabular alles niederschmettert: Dieses ‚gefühlt sein‘, dieses ‚auf hohem Niveau‘-Gerede, dieses ‚geht gar nicht‘ und ‚ist nicht meins‘.

 

Genau dann fühle ich sie wieder, die Teilnahmslosigkeit. Hat es nicht etwas Teilnahmsloses, wenn man Zeit seines Lebens immer ins Wahllokal geht und das Kreuz an der gleichen Stelle ansetzt? Wenn man das trotzdem immer weiter macht, während die Stellen, wo man Kreuze ansetzen kann, immer näher zusammen rücken, ja fast schon auf der ‚gefühlten‘ (ich kann auch dieses Wort nicht ertragen und hatte es mir eigentlich geschworen, es nie in einem meiner Texte zu benutzen und tue es hier nur deswegen, weil ich genau mit diesem Wort etwas ausdrücken will, was unerträglich ist, nämlich dass so ein Schwammwort an die Stelle von echten Gefühlen getreten ist) gleichen Stelle?

 

Was ist eigentlich der Unterschied zwischen Merkel und Steinbrück? Möglicherweise, dass es sich um einen Mann und um eine Frau handelt. Denn sonst haben sie doch eine überbordend riesige Schnittmenge, wie sie es bereits jetzt betonen, um nur ja beide gewählt zu werden, während die anderen Parteien zunehmend ihr Profil verlieren und ins Aus rutschen.

 

Nein, es geht uns nicht gut. Wir sind ausgedampft. Die Freiheit hat sich zu einem Wort reduziert. Wir halten uns mit den bekannten Strohhalmen über Wasser: Ein wenig im Garten arbeiten. Oder was auch immer. Die Weintrink-, Fitness- oder sich-mit-der-Freundin-treff-Gewohnheit durchziehen. Immer übers gleiche Thema reden, und wenn die darauffolgende Gesprächspause zu lang wird, wieder von neuem mit diesem Thema anfangen.

 

Es fehlt an etwas. An Begierde, an etwas Wollen, es fehlt einfach an Lust und an Drängen.

 

Gott ist das alles langweilig. Es fehlt an Visionen, findet Ihr nicht!? Ja, wir haben alles. Computer, Hybrid-Autos und Plastikzeugs, mit dem wir uns mit Fieselbildchen bis auf die andere Seite des Erdballs austauschen können. Wir haben uns alles angeschafft, was den Leuten in der Steinzeit gefehlt hat. Wäre es jetzt nicht mal an der Zeit, ein Rèsumè zu ziehen, nach dem Motto: „Das haben wir jetzt alles, was machen wir damit, ist es das wirklich, brauchen wir diese oder jene Errungenschaft wirklich, und wo möchten wir damit in 50, 100 oder 10.000 Jahren sein (vor allen Dingen, wenn wir die Geschwindigkeit des Fortschritts in Betracht ziehen), was macht also Sinn, dass es weiterentwickelt wird und was nicht?“

 

Wir haben mit unseren Errungenschaften und unserem Erfahrungswissen einen ungeheueren Schatz in der Hand. Wenn wir das immer nur vermehren und weiterentwickeln wollten, würde ich das als eine Überdehnung empfinden, schließlich würde vielleicht irgendetwas reißen.

 

Ich will mein Bedürfnis nach Visionen als etwas beschreiben, wo man träumen darf. Wo man wild und ungenau sein kann. Unpräzise und unperfekt. Die Zukunft hat nichts Genaues. Sie ist immer vage aus unserer Sicht, da wir sie nicht im Geringsten kennen. Doch wir können innerhalb dieser Zukunft etwas anvisieren. Es ist genug Wissen und Erfahrung dafür da. Genug Technologie und Möglichkeit.

 

Ich finde, es ist Zeit für einen Stillstand, um sich zu besinnen (vor allen Dingen auch auf die inneren Werte), um Resume zu ziehen, für die Zukunft zu planen. Ein Ziel macht man nicht aus einer betriebsamen oder gar hektischen Bewegung heraus aus. Schon gar nicht ein in der Zukunft liegendes Ziel. Das liegt nicht nur in der visuellen Distanz von A nach B, sondern das Ziel geschieht auch noch viel später, als wir wahrnehmen. Es hat also auch mit Timing zu tun. Diese Absurdität müssen wir uns aber erst einmal gewahr machen. Sie ist entscheidend für das nächste Jahr, oder für das Leben der Menschen nach uns.

 

Sicherlich, um einen Weg zu bestimmen, braucht es ein Ziel. Ein inneres, oder ein äußeres. Der Weg selbst kann nur das Ziel sein, wenn er überhaupt zu einem Ziel führt. Es hapert an Beidem. Und genau diesen Eindruck vermitteln mir all diese Parteien, diese Politikmenschen und diejenigen, die sich über sie den Mund zerreißen, inklusive mir. Schuld daran sind aber nicht nur all die. Es ist auch die in sich selbst verwirklichende Systematik, die nicht zuletzt von der auf fast anarchische Weise global agierenden Wirtschaft, von den Medien und den Internet-Organen und – tools dominiert wird.

 

Wir haben aber diese Verantwortung, bewusst zu gestalten, was in der Zukunft sein wird. Jeder für sich. Das, was wir geschaffen haben, all diese Technik, diese (auch die äußeren Ressourcen ausbeutende) Wirtschaft, diese (auch die inneren Ressourcen ausbeutende) Kommunikationssuppe, die gespeichert, softwaregetrieben und fingergesteuert irgendwohin rast, all das entwickelt sich sonst von alleine weiter. Irgendwohin, wo wir vielleicht nicht sein wollen, geschweige denn diejenigen, die nach uns leben.

 

Deswegen richtet sich meine Formulierung für eine Vision einer Zukunft für die Menschen auf der ganzen Welt auf die Gestaltung der ungeheueren Möglichkeit zur Lebensqualität, die wir in den letzten 150 Jahren geschaffen haben. Wir können das alles doch selbst formen, wir haben es doch in der Hand, wir können es so entwickeln, dass 1. die destruktive Ausbeutung unserer Erde beendet wird; 2. die unerträglichen sozialen Schieflagen regional und überregional aufgefangen werden (was tief in politische, wirtschaftliche, gesellschaftliche und vor allen Dingen kulturelle Strukturen greift, eigenartigerweise sind hier die staatlichen Kulturinstitutionen nirgendwo aktiv); 3. verhindert wird, dass sich aus den heutigen technischen Möglichkeiten ungewollt und unbemerkt eine neue Form einer totalitären Diktatur heranbildet, in irgendeiner ungeahnten, noch nicht bekannten Form. Wenn wir die perfiden und (leider auch von unseren Parteien) tolerierten Hetzenjagden auf einzelne Personen betrachten, die idealistisch, mutig und ohne andere Menschen zu gefährden, im Sinne der Freiheit Informationen enthüllt haben (und das eigentlich auch mussten), sowie wenn wir die Geheimdienst-Spionageskandale der jüngsten Zeit verfolgen. All diese Verfolgungen, diese plötzlichen Enthüllungen über die Menschenrechte tief verletzenden Übergriffe einzelner „hochentwickelter Freiheitsnationen“ sollten wir nicht nur als Spuk, als Einzelfälle oder als Wetterleuchten betrachten. Das Ganze häuft sich.

 

Last but not least würde ich gerne als 4. Punkt von einer Regierung gerne nachhaltige Ideen entwickelt sehen (wobei ich dieses Wort nachhaltig schon wieder grässlich finde), wie, nennen wir es einmal das ‚Glücklich sein‘ der Menschen unterstützt werden kann (hierfür gibt es bereits mehr als ausreichende philosophische, psychologische und esoterische Grundlagen und Wissen, man muss all dies nicht ständig neu erfinden). Ich glaube, auf dem Standard, den wir erreicht haben, dürfen solche Überlegungen angestellt werden. Eigenartigerweise ist es nämlich so: Alle streben danach, mehr zu haben, Wohlstand zu erzielen. Das ist für sie das Lebensziel. Sie denken, dann sind sie glücklich. Doch wenn sie es haben, sind sie nicht glücklich. Ist das nicht aussagekräftig genug?

 

Parteien, die derartige visionären Ziele nicht ausgearbeitet hat, sind für mich nicht tauglich für ein politisches Führungsamt in der heutigen Zeit. Es ist eine andere Zeit, als die, in der diese Parteien entstanden sind. Es gibt so eine Partei in unserer politischen Landschaft nicht. Und ich frage mich, ob unser freiheitliches System, welches die Demokratie über solche Parteien im herkömmlichen Sinne definiert, überhaupt noch Relevanz und Bestand hat.

 

Vielleicht wäre es für alle diese Ziele wirklich förderlich, wenn wir uns nun, nachdem wir den Krieg, seine Nachwehen, deren Folgeprobleme und schließlich auch das Trauma zu bewältigen beginnen, nun auch einmal sagen würden: Jetzt setzen wir uns alle einmal zusammen und arbeiten ein neues Konzept aus. Eines, das dieser und der zukünftigen Zeit entspricht. Da die Gesprächsteilnehmer aber die Parteien und entsprechende Institutionen wären, müssten sie aber dieses vom Überleben bestimmte Parteiengetue abwerfen. Es dürften daher am Gesprächstisch eigentlich gar keine Repräsentanten dieser Bereiche sitzen, weil sie eingefärbt argumentieren und alles kaputt machen würden. Demnach stellt sich doch die Frage, was diese Institutionen überhaupt noch sollen. Sind sie in der Lage, diese Aufgabe auszuführen? Glaube ich nicht.

 

Also wenn ich nun am Sonntag in das Wahllokal latsche, mich vorher überwinden muss, weil mich nichts zieht, wenn ich dann dort stehe, weil ich sage, ja, man muss wählen, weil dieses ‚MUSS‘ zu dieser Form der Freiheit gehört, dann werde ich am Ende aus einem emotionalen Impuls heraus ein Kreuz machen. Ist das noch Demokratie?

 

Danach kann ich wieder ins Leben herausgehen und mich beschweren. Im üblichen Sinne. Und mich frei fühlen.

 

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)