Geschrieben am 2. April 2013 um 10:02

Vor mir steht beispielsweise eine Tasse Tee. Sie ist halb voll und der Tee ist kalt. Sofort denke ich Worte: „Schade. Wenig Tee. Kalt. Etwas zu braun geworden.“

Jemand ruft mich an: „Es ist acht Uhr! Du kommst schon wieder zu spät!“

Ich denke über mich: „Wie unzuverlässig, ich bin unpünktlich.“

Und über den Anrufer: „Mag er mich jetzt nicht mehr? Geht mir aber auf die Nerven, dieser Druck. “

Automatisch wandern meine Gedanken zu der Person, die auf mich wartet. Ich erinnere mich, was sie mir schon einmal sagte, als ich zehn Minuten zu spät war. Eine zynische Bemerkung war das. Sie wurde mit dem Wort „Typisch!“ eingeleitet. Dem folgten noch ein paar Worte, die ich nur schwer hinnehmen konnte. Den gesamten Verbalkomplex habe ich schließlich verdrängt.

Doch jetzt ist er plötzlich wieder präsent. Weil ich zu spät bin: Als diffuses Stimmengewirr taucht plötzlich in mir wieder auf, was mir diese Person damals gesagt hatte:

„Typisch!“

 

Sie würde mich wieder mit dieser unerträglich gerunzelten Stirn ansehen, als wäre ich einer, der es einfach nicht packt, nicht schafft. Minderwertig. So würde ich ein Wort der Entschuldigung herauspressen, eines, das ich vielleicht gar nicht so meine. Der andere würde das vielleicht merken. Welches Wort er daraufhin wohl wählen würde?

 

Ich gehe also los. Innerlich fühle ich mich geduckt. In dieser dieser Haltung versuche ich die Stimmen in mir zu ertragen, die mich jetzt ununterbrochen des Zuspätkommens schuldig sprechen. Reicht es nicht einmal? Nein? Muss diese Verurteilung gleich hunderte Male wiederholt werden?

Angeärgert rase ich über die Gehsteige, immer diese Worte im Kopf: Ich muss pünktlich sein. Mist! Warum ist mir das wieder passiert!? An den Zeitungsständen sehe ich die Schlagzeilen. Ein Skandal ist das Leben, ein einziger Skandal, jeden Tag ein Satz in der Headline. Heute: „… er gibt es immer noch nicht zu!“ Wer, das sage ich nicht.

Auf einem Werbeplakat lese ich: „Willst du weg, flieg mit uns!“

Weg?! Mich ergreift das „Weg!“ – Klima. Ich denke: Ja ja, endlich weg!


Meine Gehirnstimmen tunen sich ein in eine harmonische, stringente Spur. Alles dreht sich plötzlich nur noch um das „Weg!“

Ich werde sehr spät ankommen in dem Cafè, noch viel verspätet, als es hätte sein können. Möglicherweise ist meine Verabredung dann auch „Weg!“? Hoffentlich vielleicht!?

Ich konnte unterwegs der Versuchung nicht widerstehen konnte, eine Bratwurst zu kaufen und sie beim durch die Gassenjagen schnell weg zu machen. Runterzuschlingen. Bratwürste sind für Zuspätkommer gemacht. Ich bin ja sowieso zu spät, hat nämlich ein anderer Mufti in mir gebrüllt:


„Ob 10 oder 15 Minuten ist doch das Gleiche!“


Es kommt doch nicht drauf an, wie zu spät, sondern dass überhaupt zu spät. Also verschönere dir das Zuspätkommen wenigstens mit der Bratwurst. Die war nach wenigen Schritten ‚kalt‘.  Schon wieder ging es los: Eine halb gegessene Bratwurst wirft man nicht „Weg!“

Man isst sie auf! Nicht weg!

Sie tunneln mich ein, all diese Worte. Ich überbewerte sie, wenn ich mich auf ihr Gebrülle allzusehr einlasse. Und wenn ich der Denkmaschinerie nachgebe, die nach jedem Brüller in mir angeworfen wird. Was für ein Energieverschleiß. Was für eine Zeitvergeudung!

Wenn ich die Worte in mir drinnen nur öfters weglassen könnte! Wie viel freier würde ich mich fühlen.

Doch geht das nicht so einfach. Sie haben ein verselbstständigtes Leben in mir entwickelt. Manchmal kommt mir mein Innenleben vor wie ein Wort-Biotop. Woher sonst kommt es, dass jede kleinste Wahrnehmung und jede noch so bedeutungslose Bemerkung gleich einen Rattenschwanz von Worten nach sich zieht?

Ich sehne mich nach wortfreien Zonen in mir und um mich herum.


Die Meditation ist ein schönes Mittel dafür. Sie ist immer möglich und sie funktioniert überall, in jeder Sekunde. Und mit ihr kann ich meine Fähigkeit trainieren, die Worte in Schach zu halten und nicht die Worte mich. Doch selbst, wenn ich meditieren will, denke ich schon wieder lawinenhaft:

„Meditation! Lange still sitzen. Wie anstrengend. Neiiiin! Wie langweilig. Wie zäh. Willst du das wirklich? “

Und der Lärm, den ich beim Meditieren höre, bei meiner ‚Über-die-Gehsteige-Gehmeditation’ jetzt gerade zum Beispiel? Den nehme ich mit. Ganz gelassen. Ich lasse ihn zu. Ich lasse ihn sein, denn ich bin auch der Lärm. Ja, ich bin auch der Lärm. OMG. Ich weiß jetzt endlich, was OMG heißt. Kein Wort, sondern Buchstaben. Ein verstümmeltes Wort. Ich kann es nicht ausstehen. Aber auch dieses Krüppelwort führt bereits sein Eigenleben in mir.


Moment, Moment, ich versteh schon, eine neue Wortkaskade sagt jetzt:

„Ja, ja, sie machen schon einen Sinn, die Worte. Nun mach mal die lieben Worte nicht so runter! Sie erfüllen als Werkzeuge bestimmte Zwecke.“


Das ist schön und gut. Mehr nicht. Mit ‚Leben ohne Worte’ meine ich doch, dass ich nicht will, dass diese Ungetüme mein Leben dominieren. Ich will nicht tagaus, tagein auf einer riesigen Schwellsuppe abgenutzter Worte dahergeschwommen kommen. Das war zu oft in meinem Leben so. Und allzu oft habe ich es nicht einmal bemerkt. Wie ich vollgestopft mit Sätzen und Begriffskonglomeraten durch meine Welt geeilt bin und wegen diesem Wortedickicht in mir mein Leben und das Geschehen um mich herum überhaupt nicht mehr wahrgenommen hatte.


Die Tasse Tee, von vorhin. Halbvoll. Das kann doch auch was Wunderschönes sein. Es ist halt wenig Tee. Und kalt, was solls. Wer sagt, dass die Teetasse voll sein soll? Die Worte, sonst niemand. Und wer kritisiert, dass ich zu spät komme?


Diese ständig explodierende Wortkaskade im Kopf verursacht ein unangenehmeres Gefühl, als die Vorstellung, in einer Welt ohne Worte zu leben. Wie würde diese Welt aussehen?

Ich würde nicht mehr „schön“ denken und auch nicht mehr „schön“ sagen, wenn ich eine Blume sehe oder den Sonnenuntergang betrachte. Stattdessen würde ich das Gefühl dieses Anblicks stärker wahrnehmen und vermutlich auch länger. Vielleicht würde ich so manches gar nicht mehr ‚schön’ finden, nur weil plötzlich dieses Wort in mir auftaucht wie ein kollektive Adjektiv: Bestimmte Dinge finden nämlich alle Menschen schön. Sie sind quasi schön zu finden. Wie das schöne Wetter, das Abendrot. Oder bestimmte Arten des Aussehens von Frauen, je nachdem, wie es die Modelindustrie und ihre Dompteure festlegen.

Ganz andere Dinge würden uns möglicherweise plötzlich gefallen, weil keine Worte mehr zwischen uns und ihnen stehen, die dem Wort ‚schön’ widersprechen.


Das gesamte Timing unseres Erlebens würde nicht mehr von der Länge der Worte oder ihrer Lawinendauer bestimmt. Bis der andere auch etwas dazu sagt:

“Ja, schön, diese Blume!”

Oder: „Gestern habe ich schon mal so eine Blume gesehen. Ohne den unbeherrschten Sturzfluss der Worte in uns würde sich eine ganz andere Lebensdynamik ergeben. Eine freiere, sinnbestimmtere und eine verbundenere Lebenswelt vielleicht?


Beim Anblick des armen, betrunkenen Penners, an dem ich soeben vorbei eile, würde ich nicht mehr zwanghaft die Worte „dieser arme Mensch” denken. Auch von dieser Endlosschleife „soll ich ihm helfen; muss ich ihm helfen oder tut man das nicht (‚weil der was arbeiten soll’); dem ist nicht mehr zu helfen; nein, ich geh weiter; nein doch, ich schmeiß einen Euro in seinen Hut (‚ist das zu viel, zu wenig?’) und dann dieses von Worten getriggerte Gefühl von innerer Macht: „Ich gehe hoch erhobenen Hauptes weiter, nicht mehr hinschauen (‚vielleicht war es doch zu wenig? Nein es muss ihm reichen, besser, als nichts!’)“. Von solchen bandwurmartigen Wortaneinanderreihungen, die in solchen Situation in endlosen Mutationen in mir auftauchen, wäre ich befreit. Oder wir alle? Wieviele Menschen denken wohl fast das Gleiche, wenn sie einem Bettler begegnen?


Ohne Worte könnte ich den Mann im Straßengraben auch nicht nach seinem Schicksal fragen. Wäre das aber überhaupt so wichtig? Oder ist es wichtiger, so einem Menschen einfach unter die Arme zu greifen, egal, was für ein Informationsstau sich hinter ihm verbirgt? Was heißt ‚wichtig’ überhaupt, ist es wichtig, dieses Wort ‚wichtig’?

Ein Leben ohne Worte wäre sicherlich ein radikaleres, unmittelbareres und ein authentischeres Leben – es könnte sein, dass es ein weniger reflektiertes wäre, ein gefährlicheres. Hautnaher. Keine Worte dazwischen. Sind Worte die Stoßdämpfer zwischen uns, die Puffer? Brauchen wir sie wirklich so massig, wie sie vorhanden sind? So automatisiert, uns fast bestimmend?

Man male sich nur aus, was wäre, wenn die Worte wegfallen würden. Sie geben uns schließlich auch die uns die Möglichkeit, Grenzen zu ziehen:

“Nein, ich will jetzt keinen Sex haben! Und mit dir schon gar nicht”.


Es macht mir Angst, wenn in einer wortelosen Welt nur Menschen leben würden, die zu ihrem Mitgefühl nur verbal in der Lage sind. Die nie gelernt haben, zu leben weil sie sich nie irgendwo anders, als in ihren Wortgebilden befanden.

Die verbale Zurechtweisung, die Ermahnung, die Kritik und die Einstufung würde in einer solchen Welt völlig wegfallen. Könnten wir in ihr leben, ohne anarchischen Zuständen der Zerstörung und des Chaos ausgesetzt zu sein?


Die Isarauen in meinem geliebten Glockenbachviertel würde ich jedenfalls noch viel mehr genießen können. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Wenn es keine Worte gäbe, müsste ich nicht jedesmal, wenn ich mit einem Freund durch die neugeformten, biotopischen Anlagen spaziere, über diese ‚unglaublichtollen’, neugeformten, biotopischen Wasserlinien sprechen, endlich nicht mehr über dieses ‘gelungene Projekt’.

Auch das „ich liebe dich“ wäre weg, das ich jeder Frau, die ich in meinem Leben zu lieben begann, sagte, ja fast sagen musste. In der wortefreien Welt würden diese drei bedeutungsschweren Worte durch einen Blick, eine Umarmung oder eine Gefühlsübertragung ersetzt werden. Authentischer, direkter, naher und unmittelbarer. Vor allen Dingen unmissverständlicher.


Worte kann man eben nicht fühlen. Man kann sie nur denken. Oder sagen. Oft genug löst ein und dasselbe Wort bei zwei Menschen etwas Unterschiedliches aus. Gerade mit dem Wort ‘Liebe’ ist das so. Worte funktionieren nicht alleine, sondern nur mit mehr Worten. Sie beschreiben nur einen Teil der Wirklichkeit, nur einen Ausschnitt, den auch nur ungefähr. Sie sind eben nur Werkzeuge, um die Verständigung leichter zu machen. Es braucht die sieben Sinne zu jedem Wort, und einen offenen Geist obendrein. Sind wir dazu in dem Wortedickicht überhaupt noch in der Lage?


Das Überhandnehmen der Worte durch die grassierende Turbokommunikation und die eigendynamische Unbewusstheit ihrer Anwendung signalisiert, dass die Worte die Alleinherrschaft zu übernehmen beginnen. Wir sind ihnen bereits ziemlich ausgeliefert.


Von Worten abhängig zu sein, ängstigt mich mehr, als die Vorstellung einer Welt ohne Worte.

Wir sind heute mit unzähligen Menschen konfrontiert, welche die Mechanismen von Worten nicht im Geringsten verstehen. Das ist mittlerweile eine schicksalshafte Gegebenheit in unserem Zusammenleben. Aber trotzdem reden sie alle so, als würden sie es verstehen, was die anderen sagen. Worte reden einem eben auch alles mögliche ein. Verständnis zum Beispiel. Das Wort ja signalisiert, der andere ist einverstanden. Vielleicht will er aber nur seine Ruhe haben oder das Gespräch beenden. Vielleicht hat er Schwierigkeiten mit dem Nein-Sagen. Doch ist das ‚ja’ einmal gesagt, bleiben die Gefühlssonden eingefahren. Alles scheint in Ordnung zu sein.


Diesen verselbstständigten Umgang mit der Sprache empfinde ich als viel bedrohlicher, als die Vorstellung eines worteleeren Lebensraumes zwischen uns Menschen. Denn ich glaube fest daran, dass unsere Sinne viel reifer und ausgefeilter funktionieren, als jedes noch so gut gestaltetes Wortkonstukt. Ich glaube nicht, dass in einer wortefreien Welt das Miteinander in grobes Bekriegen ausarten würde. Im Gegenteil. Da wir zum Mitgefühl nicht nur in der Lage sind, sondern diese Eigenschaft automatisch arbeitet, würden wir nach einer Phase der Irritation vielleicht viel voller, tiefer, aber auch bestimmter leben.

Auch dieses ‚das finde ich gut“, „der gefällt mir“ – Wahn, oder das „mich nervt es, was du gerade tust“, all diese Maßregelungen, andere Menschen mit Meinungsbrumborien zu überstülpen, nur weil sich darin angeblich unsere Freiheit ausdrückt, es wäre endlich weg!


Schon wieder dieses Wort ‚weg‘. Ich mag das Wort ‚weg‘ nicht. Aber trotzdem sehne ich mich nach vielem, was dieses Wort ausdrückt. Dass der Ärger endlich ‚weg‘ ist, den ich habe. Dass das kalte Wetter endlich ‚weg‘ ist. Ohne das Wort ‘weg’ würde ich das nasse Wetter aber sicherlich nicht so furchtbar finden.


Vorhin habe ich mein Frühstück weggeräumt. Das habe ich schnell gemacht. Aufräumen wird immer schnell gemacht, weil es ‚weg‘ sein muss, das aufräumen. Und weil sich schon die nächsten Worte aufstauen, räume ich hastig auf. Denn danach, ja, da kommen wieder Millionen Worte, die es scheinbar abzuarbeiten, durchzudenken, zu verdauen oder zu kommunizieren gilt.

Es gibt so viele Situationen im Leben, die Begriffe wie ‚weg‘, ‚schlecht‘, ‚nein‘, toll‘, ja, stimmt‘, ja, da hat er recht‘, was für einen Blödsinn der schreibt‘, ‚er spricht mir aus der Seele‘ oder noch viel schlimmer, ganze Kaskaden von Worten auslösen. Sie schränken mein Leben ein.


Worte sollten nicht mehr Raum einnehmen, als der Verständigung zu dienen und in unserem Zusammenleben behilflich sein. In der Forschung und in der Organisation unseres Zusammenlebens braucht es mit Sicherheit die Worte. Aber nicht so viele Milliarden Worte, wie das heute der Fall ist. Haben wir unsere Verantwortung und unseren gesunden Menschenverstand an Wortkonstruktionen übergeben? Die wir hinbiegen, wie es uns passt?


So bauen wir mit all diesen Worten unsere Scheinwirklichkeiten. Sie haben mit dem eigentlichen Leben nichts zu tun.


Das mit den Worten und mit der Wirklichkeit ist nämlich ähnlich wie mit der Definition von Antiquitäten: Selbst wenn ein saniertes, altes Möbelstück nur noch zu 50 Prozent aus dem alten Originalmaterial besteht, darf sie Kraft Gesetz Antiquität genannt werden. Dabei muss nicht einmal hinzugefügt werden, wieviel Neumaterial in dem ‚alten Möbel‘, das eigentlich gar kein altes mehr ist, drinsteckt. Dass das Möbelstück nach einer solchen Renovierung gar keine Antiquität mehr ist, wird durch kein Wort ausgedrückt. ‚Halbantik’ könnte es beispielsweise heißen. Tut es aber nicht. Die Unschärfe ist wohl eine ihrer herausragendsten Eigenschaften der Worte.

Worte sind die Nägel unserer selbstgezimmerten Wirklichkeit. Mit ihnen hauen wir Verständnisbilder in das Gebälk unseres Gehirn. Abziehbilder, die wie Schießbuden-Stehaufmännchen in uns aufspringen, je nach dem, was für Erlebnisse gerade unsere Knöpfe drücken.


Ich glaube, es gibt da kein Drumherumreden: Wir befinden uns fest in der Hand der Worte. Gibt es keine Nachrichten, so werden sie erzeugt. Fehlt ein Ereignis von solch exorbitanter Bedeutung, dass es der Schlagzeile der größten Zeitung gerecht würde, so steht an dem Tag nicht etwa Nichts auf der Seite 1. Nein, das staatstragende Ereignis wird hochstilisiert oder gar erfunden, so wie ich es selbst früher auch manchmal gemacht habe. Ein paar Worte, gut gemixt und durchgerührt, mit einem netten Sahnehäubchen drauf, und schon bin ich aus dem Schneider.


Vor ein paar Tagen beherrschte die Schlagzeile „Blumen vergiftet!“ einen ganzen Tag und mit Sicherheit Millionen Wohnzimmer: Am Valentinstag konnte ich deswegen fast keine Rose mehr ansehen, ohne dass mir diese Worte durch den Kopf spuckten. Ich male mir das leidvolle Gezetere der Liebenden aus, deren Rituale durch einen so kleinen Satz ins Wanken geraten sind:

Er betritt die von Kerzenlicht erleuchtete Wohnung. Sie hat ein besonderes Gericht gekocht an diesem bedeutenden Tag  des Liebesgefühls. Und er hat den üblichen Strauß Rosen gekauft. So viele, dass es noch teuer genug ausschaute, aber so wenige, dass es noch nicht allzu teuer war. An diesem Abend ist alles anders als sonst: Zwei Worte beherrschen Millionen Gehirne und auch diese beiden. Ihre Romantik gerät aus den Fugen, als sie die Rosen sieht, die er ihr hinhält:

„Wo hast du die denn gekauft!?“ Sie holt sich die Plastikputzhandschuhe und stellt die Rosen mit unerfreuter Miene in eine Ecke. Hoffentlich nicht bei Tengelmann, dort sind sie giftiger als anderswo! Ich mag diese Rosen nicht!“

Den Valentinstag würde es ohne sein Wort nicht geben. Ich bin voll davon überzeugt, dass an seiner Stelle das ganze Jahr zum Jahr der Liebenden werden würde, wenn dieser Tag sein Wort verlieren würde.

All diese Worte haben etwas Trennendes, wenn sie mit den an ihnen hängenden Bedeutungen so in unser Leben hineingreifen. Sie spalten uns ab von dem, was wir sind: fühlende Wesen. Und sie überbetonen das, was wir lediglich zusätzlich sind: Der Sprache mächtig.


Jetzt ist draußen ein hellblaues Stück Himmel aufgetaucht. Ach wenn ich dieses Stück Himmel doch nur einfach so anschauen und genießen könnte. Und nicht gleich denken müsste: Spaziergang!? Schwimmen? Skifahren!? Straßencafe? Wird’s jetzt Schönwetter oder ist es gleich wieder weg!?


Ohne Worte zu leben empfinde ich als eine befreiende Vorstellung. Dieses endlose Bewerten fällt sofort weg oder wird zumindest radikal eingedämmt. Wir könnten andere Menschen viel mehr einfach so sein lassen, wie sie sind. Es gäbe viel weniger Streit. Denn der wird fast nur mit Worten ausgefochten. Mit den Missverständnissen wäre es vielleicht sogar ganz vorbei, da wir uns wegen unserer unterschiedlichen Auffassungen über die Bedeutung von Worten nicht mehr in die Haare kriegen würden. Auch die vielen Namen für die Götter und die Religionen würden wegfallen. Allerdings auch die für die Parteien, welche unsere Demokratie ausmachen. Wie würden wir eine Demokratie ohne Worte organisieren können? Für viel gefährlicher halte ich eine von Worten dominierte Welt.


Die ungestüme und unbewusste Inflation der Worte beinhaltet eine Gefahr für unsere freie Meinung. Die Authentizität unserer inneren Haltung wird durchlöchert. Von Worten, die alles und jedes differenzieren. Unsere menschlichen Eigenschaften werden durch Worte ersetzt. Als beängstigend daran empfinde ich, dass diese Entwicklung kein Ziel hat. Sie wirkt x-wie beliebig irgendwo hingerichtet. Sie flimmert zuckend irgendwie in die Zukunft und sucht sich einen eigendynamischen, eigenen Weg. Wohin der führt, scheint außerhalb unserer Kontrolle zu liegen. Denn wir steuern den Weg der Worte nicht bewusst. Umgekehrt: Die Worte steuern uns.

Diese Entwicklung geschieht nur, weil so viele Menschen daran beteiligt sind, mit ihrem Werteverständnis und Bewusstsein darüber. Welches Werteverständnis ist heute das vorherrschende? Eines, das aus Worten besteht. Und sonst? Ich glaube, fast gar keines. Ausser dem, das mit ‘ich’ zu tun hat.


In den nebulösen und düsteren Zonen des Umgangs miteinander, wie der Desorientierung unserer Zeit, oder der Korruption und den ununterbrochenen Wort-Lügen unserer Vorbilder, die von den Schlagzeilen prangen, erfüllen Worte allerdings auch die Funktion von Lichtern. Hier sind sie nicht nur die Nägel, die unseren Geist vernageln, sondern auch die erhellenden Taschenlampen. Sie verhindern, dass es allzu modrig wird. Hier brauchen wir die Worte dringend, so dass sie in beide Richtungen leuchten können. Doch es stellt sich auch die Frage, ob solche Formen der Kumpanei und der Intrige ohne Worte überhaupt in der Dichte entstehen könnten, wie sie heute vorherrschen.


Vielleicht würden wir in einer Welt ohne Worte ganz andere Sinnesfähigkeiten und Wertverständnisse entwickeln. Sei dieser kleine, utopische Gedanke erlaubt? Er soll ja nur eine kleine Anregung sein.

Vielleicht würde es friedlicher zugehen unter uns Menschen. Der Reiche wäre halt reich, der Arme arm. Aber aus einem Mitgefühl, das nicht von Worten und einer zynischen Begriffsbigotterie gestört und zugedeckt würde, würden sich die Menschen mehr helfen. Sie würden mehr im Herzen leben.

Vielleicht gäbe es gar keine Reiche oder Arme mehr. Sind nicht gerade die Worte die Säulen unseres dualen Weltbildes, in dem wir zwischen reich und arm, gut und böse, hell und dunkel, weise und dumm unterscheiden? Und das sofort bewerten, hochjubeln oder vernichten? So wie es in mir zuging, als ich an dem Bettler vorbei eilte?

 

Worte können zu Käfigen unserer Herzen und unserer Gefühle werden, wenn wir die Zügel zu ihnen aus den Händen geben. Umgekehrt werden unsere Sinne wieder freier, die Visionen, unser gesunder Menschenverstand, unsere Intuition. All diese ausgezeichneten Gaben, die wir so oft unter die Worte stellen. Beispielsweise wenn es sich um die Definition von “Erfolg” dreht und sofort das Wort “finanzieller Gewinn” durch den Kopf dröhnt. Das Wort Erfolg alleine hätte ohne seine Anwendung durch uns keine Bedeutung mehr. Also wer ist der Handelnde: Wir oder Worte wie “Erfolg”?

 

Doch, ich liebe die Worte auch. Sie geben meinem Leben so unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten. Das ist atemberaubend und es macht das Schreiben zu einem Schwelgen im Schlaraffenland. Aber es erschrickt mich gerade zur Zeit, wenn ich sehe, was Worte an Missverständnissen auslösen, was sie vor allen Dingen verhindern können. Was sie an Unnötigkeiten verursachen. Ich liebe es, zu schreiben und mich durch Worte auszudrücken. Gedichte und inspirierende Texte lösen wunderbare Gefühle und interessante Überlegungen in mir aus. Erst durch die Worte kann ich genauer zwischen Liebe und Hass differenzieren. Das schon gut. Aber ich mag es nicht, wenn mich die Worte einengen. Und manchmal fühlt sich das schon so an. Vor allen Dingen, wenn sie in so unausweichlicher Masse auftreten.

 

Da steht sie immer noch die Tasse Tee. Zwanzig Minuten später. Meine Verabredung war bereits weg gewesen. Jetzt habe ich an der Tasse ein paar Mal genuckelt. Viertelvoll ist sie jetzt. Und sowieso ganz kalt. Umzingelt ist sie immer noch von Worten:

„Neu einschenken?“, „Wegstellen?“, „Abwaschen?“, „Stehenlassen?“

Überflüssiges Wortzeugs, das. Wortunkraut.

„Also was jetzt? Bring ich sie weg, die Tasse?“

Dabei schaut sie eigentlich ganz gut aus. Wie ein Objekt. Die Farbe des Tees gleicht der meines Schreibtisches…

 

Draußen ist der Himmel noch hellblauer geworden. Noch mehr als vorher. Wird er noch hellblauer? Sommer? Frühjahr? Kommen Blumen? Einkaufen, Tulpen, ja Tulpen!!!! Hab noch drei Stunden Zeit, dann machen sie zu am Viktualienmarkt. Aber da springen sicher schon betrunkene Rotnasen herum. Jetzt ist das hellblaue Himmelteil weg.

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)