Geschrieben am 26. März 2012 um 11:07

Ich will heute von einem meiner größten Abenteuer erzählen, welches bis heute andauert. Ich glaube, es handelt sich dabei um eine der größten Herausforderungen unserer Zeit. Ich spreche vom ‘aktiven Nichtstun’.

Umso mehr ich es versuche, desto mehr bemerke ich den Sinn davon, einfach Nichts zu tun. Mit ‘Nichtstun’ meine ich nicht, sich aus der Verantwortung stehlen. Ich spreche vom ‘aktiven’ Nichtstun. Nicht zu reagieren, wenn einem der Hals schwillt. Nicht schnell anrufen oder mailen, wenn ich irgendetwas als furchtbar dringlich empfinde. Nichts essen, nichts trinken, außer, ich habe wirklich Hunger. Den ganzen Mist nicht ständig kaufen und mit dem Gerümpel in kürzester Zeit den Keller vollstopfen, weil man damit eh nichts anfangen kann.

 

Das Gegenteil der Gier

 

Nichtstun ist eine Kunst. Sie bedarf größter Disziplin. Ich versuche immer wieder, mich in ihr zu üben. Und umso mehr es mir gelingt, desto weniger fühle ich mich von unliebsamen Gefühlen belastet und desto freier fühle ich mich überraschenderweise. Und umso verbundener mit anderen. Es ist wie ein Paradox. Die viele Action miteinander gaukelt eine Art von Zusammengehörigkeit vor. Wirklich fühlen aber kann ich sie erst im Stillstand. Vermutlich existiert sie auch nur dann. Nochmals aber: Das heißt nicht, faul herumzulungern. Im Gegenteil. Nichtstun verhindert nicht, verantwortlich zu sein oder mitzuwirken. Aber so, wie wir in unserer Gesellschaft erzogen werden und wie die Räderwerke funktionieren, in die wir uns für dieses gesellschaftlich inszenierte Zusammenleben fügen müssen, sind wir vom Tun beherrscht wie von einer Droge. In diesem Action-Exzess wurzeln unsere größten Probleme.

Nichtstun bedeutet Disziplin und daß ich mich pausenlos zuammenreissen muß, nicht gleich wieder mit irgendetwas anzufangen.Wie ein Süchtiger, der von einer Sucht loskommen will. Es ist lebensnotwendig, daß wir uns vom zwanghaften Tun unabhängig machen.

 

Diese leeren Räume, diese Zeit-Zwischenräume, die sich sofort anhäufen, wenn ich nichts tue, können zwar Angst machen. Aber sie können mich auch erfüllen, wenn ich sie spüre. Ihren Platz, ihre Weite. Das ist es doch, was ich immer wollte, wenn ich auf den Feierabend, aufs Wochenende, auf den Urlaub gewartet habe. Nicht woanders als in dieser unendlich weiten Leere begründet sich meine tiefste  Sehnsucht. Sie ist das Gegenteil von der Gier, zu ersaufen in der Action, die ich ständig produziert habe, in jener Zeit, als ich mich halbtot und fix und fertig gemacht habe vor Ehrgeiz, um in meiner Hybris schließlich zu explodieren und als Staub, Flüssigkeit und Steinsgeröll in fahrbaren Metallgefäßen, die Flugzeuge, Züge oder Autos heissen, durchs Weltall zu rasen. Entmenschlicht.

 

Die Implosion unserer Konditionierung

 

Mit dem Üben des Nichtstuns habe ich mir mein Menschsein zurückerobert. Es ist das Gegenteil von dem, zu was ich einst trainiert worden war, als sie mir damals alle gesagt hatten, daß ich jetzt noch nichts kann, weil ich noch ein kleiner Junge sei, und daß ich jetzt auch noch nichts weiß, weil ich noch in die Schule gehe. Und als sie mir sagten, daß ich dies und das tun müsse, um irgendwann einmal etwas ganz besonders Tolles und für alle anderen etwas Zufriedenstellendes zu sein. Nicht jemand, sondern etwas.

 

Innere Revolution

 

Einen Teufel werde ich tun. Ich tue, was ich will. Ich schreibe und spreche, wann ich will und was ich will. Mein Steckenpferd ist das Bewusstsein. Um das dreht es sich mir. Das reicht mir. Damit bin ich ausgefüllt. Und sonst tue ich generell so oft wie möglich nichts. Das ist das Schwierigste für mich. Es ist eine innere Revolution.

Ich mache das jetzt umgekehrt als früher: Da bestand mein Tag noch zu 90 Prozent aus Action und aus Kampf. Zwischen diese Prozentmassen habe ich ein wenig von dem reingezwängt, was ich eigentlich wirklich wollte. Irgendsoein Durchatmen- und Loslassbedürfnis war das, das mich immer wieder dazu gebracht hatte, ins Leere zu greifen.

Heute besteht mein Tag nur aus dem, was ich will. Dazwischen gestatte ich dem anderen Kram, mit dem ich mein Geld verdienen muß und in dem ich mich mit anderen arrangieren muß, sein Dasein, solange es  mir recht ist. Mich treibt immer noch die gleiche Sehnsucht an. Ich weiß jetzt aber, daß sie nie weniger werden wird. Denn sie ist die pure Energie meines Lebens.

 

Sinn, dass ich lebe

 

Ich glaube nicht daran, dass wir Menschen dazu geboren sind, um uns selbst und gegenseitig fertig zu machen, und um nach einem langen Leben, das im schlimmsten Fall weit an mir vorbei geführt hat, die eigene Lebenslüge mit ins Grab zu tragen. Ich lebe doch nur einmal. Und ich weiß nicht wie lange. Vielleicht nur noch 5 Minuten. Vielleicht noch 40 Jahre. Umso wichtiger wird in dieser absurden Relation dieser innere Raum des Nichtstuns.

Durch die Akzeptanz dieser mit dem Verstand nicht messbaren Dimension an Lebensabsurdität verliert sich die Leere des Nichtstuns. Sie füllt sich mit dem Sinn an, dass ich lebe, einfach um zu leben. Das ist alles, aber so viel. Und dann ist es ein solcher Genuß, wenn ich wieder vor irgendeinem dieser Schwachsinnsprodukte stehe, die ich mir kaufen will, und wenn ich diesen wahren Luxus hinbekomme: Es mir zu leisten, es nicht zu kaufen. Wenn ich es hinkriege, mit leeren Händen weiterzugehen und ich meine Gedanken, die mich zu dem Objekt meiner Begierde zurückzutreiben versuchen, verjagen konnte. Wenn ich tief durchatme und innerlich schmunzelnd mit meinem Bewusstsein dieses Treiben und Zupfen und Zerren in mir beobachten kann. Dann freue ich mich, fühle mich befreit. Erleichtert, es wieder einmal geschafft zu haben im Dschungel all dieser Verführungen, bei mir zu bleiben.

Versuchs mal mit dem Nichtstun. Freie Nichts – Zwischenräume geschehen ununterbrochen. Sie zu erkennen und zu akzeptieren ist auch während eines vollgestopften Stresstages möglich. Versuche, sie zu leben und schütte sie nicht gleich wieder mit irgendwelchen Ersatztätigkeiten auf. Sag, rede, chatte, maile, tue, kauf doch beispielsweise einfach mal nichts! Das ist es, was ich unter gewinnen ohne zu kämpfen verstehe. Es ist ein unermesslicher Gewinn. Er besteht aus Leben und aus Zeit.

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)