Geschrieben am 25. März 2012 um 16:12

Nachdem er sich meinen Heidelberger Vortrag zum Thema “Der Sinn vom Erfolg in der Gemeinschaft” angesehen hatte, sprach mich ein alter Kollege aus der Medienbranche (die mir mittlerweile wie ein postmoderner Unterhaltungszirkus vorkommt) an und meinte:

„Interessanter Titel, dein Buch. ‚Gewinnen ohne zu Kämpfen‘. Das ist aber nichts für mich. Ich brauche den Kampf. Ohne Konkurrenz kann ich nicht leben. Dieses Adrenalin brauch ich, sonst fühle ich mich leer“.

Ich sagte ihm: „Wenn dir dein Adrenalin dann mal aus den Poren heraustropft, treffen wir uns wieder. Da gibts dann aber kein Adrenalin im Glas zum schlürfen, damit du wettbewerbsfähig bleibst in deinem Wahn. Dann geht nämlich nichts mehr bei dir.“

Nach einem Burnout ist vieles bereits kaputt oder unveränderbar anders. Niemand, der das nicht kennengelernt hat, kann sich vorstellen, wie revolutionär Burnout für einen Menschen sein kann. Er bedeutet fast immer eine Revolution. Sich gegen sie zur Wehr zu setzen, verschlimmert alles nur bis ins Verheerende. Die einzige Chance besteht im Akzeptieren dessen, was mit einem geschieht. Doch leider weiß kaum ein Mensch, was das wirklich ist: Annehmen, Loslassen. Es heißt immer sofort: „Akzeptieren?! – Kein Problem, mach ich sofort!“ Als könne man einen Schalter in sich selbst bedienen, auf dem steht: „Akzeptieren!“ Die Tatsache, daß wir ohne Schalter und Bedienungsanleitung geboren sind, scheint fast allen Menschen völlig unbekannt zu sein. Keiner derjenigen, die sich auf ihrer Erfolgsrutschbahn direkt auf den Burnout zubewegen, hat nur die geringste Ahnung, was ihm damit blüht: Lebenslange Arbeit an sich selbst. Schluß mit Schalterumlegen und Leben nach Rezept.

 

Ein paar Monate später klingelte mein Telefon. Der gleiche Freund war am Apparat. Als ich ihn sah, konnte ich an seinen Augen bereits diese Leere erkennen, die eine Seele widerspiegelt, über die ein wilder Brand getobt ist, wie über eine fruchtbare Landschaft, und der nichts als Verwüstung, verkohltes Geröll und stinkende Rauchfäden hinterlassen hat. Er schwitzte auf der Stirn einen kalten Glanz. Er legte ein Bündel großer Scheine Geld auf den Tisch. „Jetzt bin ich reich!“, sagte er, „Ich habe es geschafft.“ Mein Freund sah mich an. Seine Augen füllten sich mit Wasser. Doch weder sein Geld, noch seine Tränen konnten seine Schmerzen löschen. Er war bereits verbrannt.

 

Elitezüchtung ohne Zugehörigkeitsgefühl

 

Mit einem wehen Zwicken im Magen erinnerte ich mich an mein eigenes Überfliegerdasein. Wenn ich mir vergegenwärtige, mit wie viel Energie ich mich selbst in dieser Welt der Manager, die scheinbar nur aus Überholspuren besteht, hineinschmissen habe, wird mir noch heute mulmig. Manager nicht an die Zügel zu nehmen, kommt mir heute so vor, als würde man eine Horde gedopter und hochgezüchteter Rennpferde ohne Jockey loslassen. Ich erlebte das einmal in einer Art Rennpferd-Therapiestall in den Arabischen Emiraten. Ohne Aufsicht können solche Tiere auf eine füreinander existentiell gefährliche Weise durchdrehen. Sie traben aufeinander los, als würden sie gar nicht wahrnehmen, dass ihnen ein anderes Pferd im Weg steht. Sie wälzen sich gegenseitig zu Tode. Nach all den Jahren der Elitezüchtung sind  diesen getunten Pferden das Herdenmitgefühl und ihr Zugehörigkeitsgefühl zur eigenen Rasse abhanden gekommen und damit ihre Fähigkeit, verantwortungsvoll in einer Gemeinschaft zu leben. Sie begreifen einander nur als noch als konkurrierende Feinde.

 

Ein Kampf  sollte nie aus einem Gefühl der Konkurrenz ausgetragen werden. Die damit verbundenen Gefühle – Rache, Wut, Eifersucht – würden die Sicht auf das Geschehen verstellen. Wie soll ich entscheiden, ob ich und wie ich einen Angreifer zurückschlage oder nicht, wenn mir das Adrenalinblut mein Augenlicht verdunkelt. Meine Fähigkeit zur Disziplin wäre schwer behindert. Solche Kämpfe zählen zu den gefährlichsten, die es gibt. Viele Situationen im Geschäftsleben oder in der Politik führen allein aufgrund von Konkurrenz in eine kämpferische Situation. Ganze Kriege werden nur der Konkurrenz wegen angezettelt.

 

Besessenheit, besser sein zu wollen

 

Konkurrenz entsteht nur, wenn du dich mit jemand anderem vergleichst und diesen Vergleich bewertest. Dabei ist zu unterscheiden zwischen dem Zustand und dem Gefühl der Konkurrenz. Konkurrenz hat heute nur noch selten etwas mit gesundem Wettbewerb zu tun.

Meistens beruht sie auf der Besessenheit, besser sein zu wollen als ein anderer. Als würden wir uns immer noch gegenüber Mama beweisen wollen. Wird die Konkurrenz zum Gefühl, so wird sie destruktiv. Du kannst dich immer für die Konkurrenz entscheiden oder dagegen. Deswegen ist jeder, der sich in Konkurrenz befindet, selbst verschuldet in dieser Situation. Bleibt die Konkurrenz allerdings ein neutraler Leistungsvergleich, so kann sie sich konstruktiv entfalten und Früchte tragen. In dieser Form stellt sie beispielsweise den Leitgedanken der Olympischen Spiele dar.

 

Wirtschaft ohne ethische Ziele

 

Warum aber verfügt unsere kompetitive Wirtschaft nicht über vergleichbare Leitgedanken? Sicherlich engagiert sich der eine oder andere Unternehmer für soziale Zwecke, bekanntermaßen realisiert diese oder jene Firma auch ab und zu einmal ein Charity-Projekt. Es mag in der einen oder anderen Eingangshalle eines Unternehmens sogar ein Plakat, auf dem die Unternehmenswerte aufgelistet sind, hängen. Mir geht es aber nicht um solche Makulatur, sondern um eine grundsätzliche Einstellung, die die ganze Branche erfasst. Bis heute weist die Wirtschaft entsprechende Ideale und ethisch weitgreifende Ziele von sich. Sie orientiert sich ausschließlich am schnellen, finanziellen Gewinne Einzelner.

„Wir machen Business, wir sind keine Gefühlsphilosophen!“, erklärte mir mal ein Manager, mit dem ich über das Thema stritt.

Trotz solcher Aussagen lassen sich gerade Manager oft in emotional stark aufgeladene Konkurrenzsituationen verwickeln, geraten in die erdrückenden Mühlen vermeintlicher oder tatsächlicher Intrigen. In Flugzeugen, in S-Bahnen und auch noch nachts im Bett fechten sie ihre Blackberry- und Email-Intrigen aus. Eine Zeitvergeudung, als wäre das Leben unendlich.

 

Bewusstsein und Integrität als Maßstab

 

Der Psychosomatik-Forscher Prof. Michael Zaudig beschreibt in einem Essay mit dem Titel „Mit Volldampf in die Erschöpfung“, dass Konkurrenzsymptome, Überforderung und perfektionistische Kontrollambitionen zu den Hauptursachen zählen, wegen derer immer mehr ausgebrannte Manager Hilfe suchen. Business hat also doch auch mit Leben und Gefühlen zu tun, wenngleich es unterdrückt ist. Die Intrigen, die Ängste, die negierten Gefühle beweisen, dass das Leben auch in der Wirtschaft nicht verdrängt werden kann. Und wer es versucht, der leidet darunter so lange, bis er Konsequenzen ergreifen muss oder durch Burnout, Depression, Alkoholmissbrauch oder ein desolates Privatleben zusammenbricht. Emotionale Konkurrenz hat fast immer verheerende Auswirkungen. Wir sehen es jeden Tag in dem ausufernden Gebaren egosüchtiger und erfolgsneidischer Manager.

 

Der entscheidende Faktor im Fall der Konkurrenz ist immer das Bewusstsein und die Integrität. Handeln wir integer, ohne uns von kurzfristigen Gefühlen oder Profitgier steuern zu lassen, kann Konkurrenz unsere Gemeinschaft weiterbringen. In dem Moment, wo die Konkurrenz durch Gefühle gesteuert wird, löst sie sich aus der Verankerung in den Werten. Sie beginnt zu zerstören. In solchen Konkurrenzsituationen wird gegen eine ganze Reihe von Grundregeln verstoßen. Der Gaul geht durch.

 

Freie Welt mit unfreien Menschen

 

Es ist eine freie Welt mit unfreien Menschen, diese Welt der Manager. Ihren Geschäften sind quasi keine Grenzen auferlegt. Sie verhalten sich aber nicht äquivalent zu dieser großen Verantwortung, die Grenzen selbst bestimmen zu müssen. Die wenigen Gesetze lassen sich immer auf die eine oder andere findige und am Ende legale Weise umgehen. Doch die Menschen, die in dieser heute beinahe zum Kult erhobenen Berufsszene leben, sind nicht wirklich frei. Sie machen sich mit ihrem rennpferdartigen Scheuklappengehabe selbst unfrei. Dabei bilden sie sich in ihrer Virtualität aber auch noch ein, besonders frei zu sein, indem sie ihre eigene Anarchie austoben. Konkurrenz gegen jeden. Grafisch dargestellt in Powerpoint-Präsentationen, gedopten Auftragsuntersuchungen und exzessiven Email-Kriegen. Gewinnen um jeden Preis. So viel wie möglich. Und was im vergangenen Jahr noch ein guter Gewinn war, gilt heute als langweilig.  Zwischendrin gehts ins Achtsamkeits-seminar. Dem Gewissen wegen.

 

Schmerzensgeld für die Lebenslüge

 

Adrenalinkrieger sind sie, diese Manager, die ihre Lebensspritze nur noch aus ihren I-Tools beziehen. Und ihrem ’Schmerzensgeld’ am Monatsende, das nie genug ist, weil es eben Schmerzensgeld ist. Geld als Balsam für ein falsches Leben.  Klar, es kann nie genug sein. Ich kenne viele, die ihr Hunderttausende oder Millionengehalt ‘Schmerzensgeld’ nennen und denen es nie genug ist, weil sie ihre Schmerzen nicht mit Geld aufwiegen können.

 

Inhalte statt Zahlen

 

Sie bekriegen sich, sie kasteien sich, und haben sich selbst und ihre Verbindung mit der Gemeinschaft aus den Augen verloren. Damit isolieren sie sich, was ihre Schmerzen noch vergrößert. Anstatt daß sie mit anderen zusammenleben. Wirklicher Erfolg wäre es, wenn ihre Haltung und ihre Aktivität verbindend wäre. Eine, die allen etwas bringt. Das wäre wirkliche Wertsteigerung. Mit Sicherheit könnte man eine solche ideelle Wertsteigerung mittelfristig auch in den Zahlen lesen. Denn jeder glückliche Mitarbeiter arbeitet besser und kreativer. Und jeder überzeugte Kunde kommt wieder. Kunden überzeugen nur Inhalte, nicht Zahlen.

 

Dieser Aspekt aber fehlt in der heutigen Erfolgsdefinition vollkommen. In der nämlich bedeutet Erfolg ist gleich Gewinn. Fertig aus. Und unglücklicherweise ist sogar unser Sinn – Verständnis allzu häufig mit dieser Gleichung verbunden. In der Arbeit. In ihrem Alltag, in dem sich die Menschen durch ihre Arbeitspositionen und Status-Symbole vergleichen, oder eben mit allem und jedem konkurrieren, ohne zu bemerken, daß ihre Arbeit ihren eigentlichen Wert längst verloren hat in ihrer Welt der ausgelöschten Feuer, in der nur noch die Seelenlosigkeit dampft.

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)