Geschrieben am 22. März 2012 um 13:23

S-Bahn-Intriganten

Ich bin stinkesauer. Bin wieder einmal mit der S-Bahn vom Flughafen in die Stadt hineingefahren. Da standen sie wieder herum. Einsam in ihre i-Phones beschwörende Sätze hineinraunend. Uniformiert gedresst in dunkle Anzüge. Und jeder kriegt alles mit. Mehr als zehn  in der Zahl waren es heute. Sie kannten sich nicht und dennoch war ihr Thema das gleiche: Emails, ja „diese blöde Email“, die sie gekriegt haben, die ihnen das Leben zur Hölle macht:

„Hast Du diese Mail gelesen von dem, wo ich cc gesetzt war? Warum setzt mich der überhaupt cc? Was machen wir mit dem? Was antworten wir dem?“

 

 

Unfähig und verlogen

Eine Zurschaustellung des eigenen Nichtzurechtkommens mit der Kommunikationsflut ist so etwas. Ein Armutszeugnis für Manager, die Menschen führen. Die eigentlich Vorbilder sein sollten.

Aber es ist ja nicht nur das: Solchen Managern ungewollt zuzuhören, offenbart auch ihre Unfähigkeit, konstruktiv und fair mit Konflikten umzugehen. Ja, liebe Herren, das Zusammenleben birgt eben auch Konflikte in sich. Seid Ihr erschrocken!? So sehr, daß Ihr gleich den Säbel ziehen müßt und einen gesamten S-Bahnwagon mit Euerem Geschwätz terrorisiert?

 

Ich bin dann ein wenig auf- und abgegangen in dem Gang, um zu hören, ob wirklich ein jeder denselben Stuss verzapft. Tatsächlich. Überall das Gleiche:

„Du, diese Mail, da müssen wir uns noch abstimmen. Aber setz den X erst mal nicht auf cc, den wollen wir da nicht drin haben…!“

Mir wird es würgübel, wenn ich so etwas mitkriege. Wenn sich gestandene Männer ins Mobbing anderer verkriechen und dabei noch die Perfidität aufbringen, von Courage und  Werten wie Respekt und Achtsamkeit zu reden. Derjenige, dem es nämlich während  fünf oder sechs Haltestellen in mehreren Telefonaten nur darum ging, sein Revier abzustecken, seine blöden Emails abzustimmen und die Herde seiner Getreuen um sich zu scharen, dieser schwarzgekleidete und nach Rasierwasser riechende Oberintrigant, raunte nämlich plötzlich in sein i-phone:

„Gehst Du morgen auch ins Achtsamkeits-Seminar?“

Und er bemerkte gar nicht wie sich ein paar Mitfahrende mit rollenden Augen ansahen. Sie bemerken nichts mehr solche Menschen. Sie drehen sich nur noch um sich selbst.

 

Konflikte mit Mouseklick lösen könnt Ihr, und sonst?

Dieses falsche Gesockse, das nie das Leben gelernt hat. Eine in der Wohlstandswelle hochgeschwemmte Mischpoke ist das, welche unsere Menschlichkeit mit Füssen tritt. Die Krone wird ihr jetzt von dieser neuen, jüngeren Business-Generation aufgesetzt, die ihre Kindheit mit dem Gameboy, anstatt beim Raufen mit Freunden verbracht hat. Die das Leben und den Umgang mit anderen deswegen nicht in der Jugend praktizieren konnte, weil sie mit ihren Fingern auf ihren Bildschirmen herumgerutscht sind. Das sind diejenigen, die jetzt Abteilungsleiter werden und plötzlich überrascht sind, daß es unter Menschen Konflikte geben kann. Und die so etwas dann so lösen, wie sie es als Kinder gelernt haben: Per Mouseklick.

 

Innovationsgeschwätz

Hier liegt eine der Hauptursachen für die Orientierungslosigkeit unserer Zeit. Für die Entwertung unserer Arbeit. Für den Niedergang von Schlecker, Müller, Kodak und Co. Das Problem ist nicht die „Unfähigkeit zu radikalen Innovationen“. Es ist leicht, von der Radikalität zu schwadronieren. Es ist leicht, über alles zu reden. Doch wer nicht einmal selbst weiß, wie das Leben funktioniert, und herumintrigiert, wie einer, dem beim Bildschirmrutschen das Wachstum der ‚Balls‘ stehen geblieben ist, der sollte in Unternehmen keine verantwortungsvolle Position bekleiden dürfen.

 

Alle reden sie dieses Innovationsgeschwätz. Doch was bitte sollen ‚Innovationen‘, wenn es für sie keine definierten Ziele gibt? Welche Ziele sind in unserer Gesellschaft und in unserer Wirtschaft definiert? Präzise bitte! Welche Ziele, außer Marktanteile zu erhalten oder auszubauen, möglichst schnell viel Geld und Gewinn machen? Und welches Ziel hat ein Manager, außer schnell Karriere machen, viel Geltung bekommen und viel Geld verdienen, so daß er sich seine Statussymbole rechtzeitig leisten kann, bevor ihn der Burnout heimsucht, dieser neue Qualitätsstempel für die ultimativ erbrachte Höchstleistung.

 

Innovation in uns selbst

Nein. Die wichtigste Innovation müssen wir in uns selbst ermöglichen. Bevor wir weiter dort draussen an der Fortschritt- und Wachstumsschraube herumdoktern und im wörtlichsten Sinne des Wortes ‚irrsinnige‘ Produkte erfinden, als wäre die Wirtschaft ein anarchischer Raum wie der Wilden Westen. Ich denke, die Welt wird nicht untergehen, wenn die Handies nicht mehr ganz so häufig neu erscheinen, wenn die Rendite einmal nicht mehr steil ansteigt, wenn endlich auch Werte unseres Zusammenlebens zu den Insignien des Erfolges gehören, mit denen sich Manager mit Stolz schmücken dürfen, weil sie selbst dazu beigetragen haben.

 

Das ist die Innovation, die wir brauchen. Sicher, ein solcher Prozeß benötigt auch eine gewisse Radikalität. Aber die muss sich bei einem jeden erst einmal nach innen richten. Zum Schutze der tausende von Menschen, die jetzt um ihre Jobs bangen, weil diese dünnbrettborerigen Kindskopfmanager bei Müller, Schlecker, Kodak & all den unzähligen anderen Unternehmen wegen ihrer Erfolgssucht die Sicht für die Wirklichkeit verloren haben.

 

Geschwollenes Werte – Gerede

Ja, hat nur auf mich drauf, weil ich das so offen sage. Ich lege dann gleich gern noch eins drauf:

Solche Menschen, alle, die dieser Lügenbande angehören, sie gehören allesamt in die Therapie. Und das sind vermutlich nicht wenige.

 

Da reden sie gleichzeitig geschwollen von den Werten. Sie organisieren Achtsamkeits-Seminare in ihren Firmen. Sie tragen das Zen- Buch  in ihren Aktentaschen, immer bereit, es herauszuziehen, um zu signalisieren: Ich tu was, ich arbeite an mir! Der Schlimme bin nicht ich, sondern der andere dort drüben. Setzen wir ihn nicht mehr auf cc!

Dann ein sanftes Lächeln, das passt, rechtzeitig aufgesetzt, und den Rechen ein wenig durch das kleine, japanischen Sandkästchen aus dem Achtsamkeitsseminar geschoben.

Den Managern wird in Coaching- Kursen das Schauspielern ja praktisch beigebracht. Mit Kamera und Gestikübungen. Wie stehe ich richtig, wie klingt die Stimme möglichst sonor und ruhig für den wichtigen Vortrag. Eine Lügenbande seid Ihr, das nächste Mal in der S-Bahn kriegt Ihr es mit mir zu tun!

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)