Geschrieben am 27. Februar 2012 um 08:54

Es gab einmal einen kreativen Mann. Er war ein sehr stolzer Mann, denn er war der Worte mächtig. Er wollte mit den Worten umgehen wie ein Pianist mit seinem Klavier und so übte er und schrieb und sprach und er hörte und er dachte, er praktizierte die Kunst der Worte in allen nur erdenklichen Kombinationen. Er liebte die Worte so sehr, daß er vergaß, die Pausen zu machen, die nötig waren, um sich die Bedeutung seiner Wortsynphonien bewusst zu machen. Deswegen fingen einzelne Worte manchmal an, ein Eigenleben in ihm zu führen.

Irgendwann verlor er auch die Kontrolle über sein Wortfilterverteidigungsschutzschild: Die Macht über die Worte entglitt ihm vollends. Und so strömten sie plötzlich in ihn hinein, ob er es wollte, oder nicht, ungefiltert, ungesäubert, bis er sich bis zum Platzen voll fühlte. So proppenvoll, daß manche Worte wieder aus ihm herauspurzelten, ohne daß er sie bremsen konnte. Das verursachte Verwirrung bei den anderen Worteproduzenten um ihn herum, denn er sprach plötzlich andere Worte, als man sie von ihm kannte. Die Menschen gingen von ihm weg und ließen ihn in seiner Verwirrung alleine zurück.

 

Die Worte sprossen aus seinem Mund, aus den Fingern, wie wild wachsende Rankenpflanzen. Sie fingen an, um ihn herumzuschwirren wie Insekten. Sie begannen, ihn verrückt zu machen, so sehr daß er sie nicht mehr weg bekam und manche Wort sogar anfingen, ihm den Blick zu verstellen. Die Wortmeteoren wurden sein Universum und sie bildeten seine neue Welt. Sie schlugen in ihn ein und verursachten Gefühlsexplosionen, die er widerum nur mit Worten bewältigen konnte. Irgendwann bekam er all die Worte gar nicht mehr in den Griff. Er wurde immer mehr von Gefühlen beherrscht, die durch die herumirrenden Worte ausgelöst wurden. Sie baumelten vor seiner Nase hin und her, wie heiße Würste und er ertappte sich dabei, daß er nach ihnen schnappte, wie ein hungriger Hund, der nichts anderes mehr im Sinn hat, als nach Würsten zu schnappen. Wegen seiner Hilflosigkeit bekam es der Mann mit der Angst zu tun. Nicht einmal seine Augen gehorchten ihm noch. Denn die gingen mit den Worten mit, ob er es wollte, oder nicht, immer dorthin, wohin die Worte wanderten und sie sahen nichts mehr von der Welt, die er einmal so liebte und die er mit seinen Worten beschreiben wollte. So beschrieb er nicht mehr seine Welt, sondern kommentierte nur noch Worte mit Worten.

 

Der Mann wurde traurig. Er konnte nicht mehr anders, weil er nur noch Worte sah und sich das, was die Worte verdeckten, auch nur noch mi Worten beschreiben ließ, die nicht mehr die seinen waren.

 

Der Mann drehte sich immer mehr um sich selbst. Die Worte hingen schließlich in solchen Massen um ihn herum und auch innen in ihm drin. Bei jeder Bewegung schlugen sie wie Glockenhämmer an ihn an. Dann dachte er, daß er sofort wieder etwas sagen müßte, weil ein Wort gleich das nächste erzeugte. Das alles verwirrte ihn so sehr, daß er sogar seinen Herzschlag mit Worten verwechselte und auch seinen Atem. Statt zu atmen, begann er zu denken, daß er atmet. Über seinen Herzschlag dachte er auch plötzlich mehr in Worten nach, als daß er ihn fühlte und ihn einfach schlagen ließ. Wenn der Mann die Sonne sah, dachte er ‘Sonne’ und wenn er eine schöne Frau sah, dachte er ebensolche Worte. Er fühlte sein Leben nicht mehr, denn die Worte haben sich dazwischen gestellt.

 

Eines Tages hatte der Mann eine unglaubliche Idee: Ich setz mir eine Zaubermütze auf, dachte er, dann nehm ich meinen neuen AEG JetMaxx – Staubsauer und versuchs einfach! Ja, ich versuchs, ob das Wunder funktioniert: Ob der JetMaxx mit seinem ‘konstant perfekten Luftstrom’, der aber auch ‘einströmende Luft mit Wirbelbewegungen’ erzeugen konnte, ob dieses ungeheuerliche geniale Gerät auch die Worte wegsaugen kann. Der Mann konzentrierte sich mit seinen letzten Kräften auf ein letztes Wort: „Staubsaugen!“, dachte er, „Da ist man in Bewegung und das Rauschen der Düsen belebt die Sinne. Man darf sich nur nicht zu tief in Trance saugen, weil man sonst Gefahr läuft mit dem Sauger gegen die Wand zu laufen.“

 

Der Mann schaffte das Wunder. Er saugte alle Worte weg und war von diesem Tag an der glücklichste und freieste Mensch der Welt.

Kommentare

comments

 

“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)