Geschrieben am 18. Februar 2012 um 14:54

Drei Worte: "Halbvolle Tasse Tee"Vor mir steht beispielsweise eine Tasse Tee. Sie ist halb voll und der Tee ist kalt. Ich denke: Schade. Wenig Tee. Kalt. Etwas zu braun geworden. Oder jemand sagt mir: Es ist acht Uhr! Du kommst zu spät! Ich denke: Unzuverlässig, ich bin unpünktlich. Automatisch wandern meine Gedanken zu der Person, die auf mich wartet. Ich erinnere mich, was sie mir schon einmal gesagt hat, als ich zehn Minuten zu spät war. Eine zynische Bemerkung war das. Sie wurde mit dem Wort „Typisch!“ eingeleitet. Dem folgten noch ein paar Worte, die ich nur schwer schlucken konnte. Diesen Verbalkomplex habe ich zwar verdrängt. Doch jetzt ist er plötzlich wieder präsent: Als diffuses Stimmengewirr taucht plötzlich in mir wieder auf, was mir diese Person damals gesagt hatte: „Typisch!“. Und sie würde mich dabei mit dieser unerträglich gerunzelten Stirn ansehen, als wäre ich einer, der es einfach nicht packt, nicht schafft. Minderwertig. So würde ich ein Wort der Entschuldigung herauspressen, eines, das ich vielleicht gar nicht so meine. Der andere würde das vielleicht merken. Welches Wort er als nächsten wohl wählen würde?

 

Ich gehe also los. In leicht geduckter Haltung versuche ich die Stimmen in mir zu ertragen, die mich jetzt ununterbrochen des Zuspätkommens schuldig sprechen. Reicht es nicht einmal ? Nein? Muß diese Verurteilung gleich hunderte Male wiederholt werden?

Angeärgert rase ich über den Gehsteig, immer diese Worte im Kopf: Ich muß pünktlich sein. Scheisse! Mist! Warum ist mir das wieder passiert!? Auf jedem Zeitungsstand steht: Wulff weg!! Aus, Wulff endlich weg!! Mich ergreift dieses „weg“ – Klima. Ich denke: Ja ja, endlich ist er weg. Meine Gehirnstimmen tunen sich ein in diese gleiche Spur des weg, nur weg, schnell weg. Jetzt ist er weg!! Weg! Ich komme an in dem Cafè, noch viel verspäteter, als es hätte sein müssen, weil ich unterwegs der Versuchung nicht widerstehen konnte, eine Bratwurst zu kaufen und sie bei Jagen durch die Gassen runterzuschlingen. Bratwürste sind für Zuspätkommer gemacht, denke ich. Ich bin ja sowieso zu spät, hat nämlich ein anderer Mufti in mir gebrüllt: „Ob 10 oder 15 Minuten ist doch das Gleiche!“ Es kommt doch nicht drauf an, wie zu spät, sondern daß überhaupt zu spät. Also verschönere Dir doch das Zuspätkommen dann wenigstens mit der Bratwurst. Die war nach wenigen Schritten ‚kalt‘.  Schon wieder ging es los: Eine halb gegessene Bratwurst wirft man nicht weg! Man ißt sie auf! Nicht weg!

 

Sie tunneln mich ein, all diese Worte. Wenn ich sie weglasse, fühle ich mich freier. Ich überbewerte sie, wenn ich mich auf ihr Gebrülle allzusehr einlasse. Und wenn ich der Denkmaschinerie nachgebe, die nach jedem Brüller in mir angeworfen wird. Was für ein Energieverschleiß. Was für eine Zeitvergeudung!

Wenn ich die Worte weglasse, fühle ich mich in den meisten Fällen freier. Doch geht das nicht so einfach, haben sie ja mittlerweile ein verselbstständigtes Leben in mir erreicht. Sonst würde doch nicht jede kleinste Wahrnehmung und jede noch so bedeutungslose Bemerkung gleich einen Rattenschwanz von Worten nach sich ziehen. Ich sehne mich nach wortfreien Zonen in mir und um mich herum.

Die Meditation ist ein schönes Mittel dafür. Sie ist immer möglich und sie funktioniert überall. Und mit ihr kann ich meine Fähigkeit trainieren, daß ich die Worte in Schach halte und nicht die Worte mich.

 

Moment, Moment, ich versteh schon, es geht gleich wieder los, eine neue Wortkaskade besagt sogleich: Ja, ja, sie machen schon einen Sinn, die Worte. Nun mach mal die lieben Worte nicht so runter! Sie erfüllen als Werkzeuge bestimmte Zwecke. Das ist schön und gut. Doch mit “Leben ohne Worte” meine ich, daß ich nicht will, daß sie mein Leben dominieren. Ich will nicht tagaus, tagein auf einer riesigen Schwellsuppe zumeist abgenutzter Worte dahergeschwommen kommen. Das war zu oft so in meinem Leben und zu oft habe ich es nicht bemerkt. Wie ich vollgestopft mit Sätzen und Begriffskonglomeraten durch meine Welt geeilt bin und wegen dem Wortedickicht mein Leben und das Geschehen um mich herum überhaupt nicht mehr wahrgenommen hatte.

 

Die Tasse Tee, halbvoll, sie kann doch wunderschön sein. Der kalte Tee ist halt kalt, was solls. Und ob ich zu spät komme oder nicht? Diese ständig explodierende Wortkaskade im Kopf verursacht ein unangenehmeres Gefühl, als die Vorstellung, in einer Welt ohne Worte zu leben. Wie würde diese Welt aussehen?

 

Ich würde nicht mehr „schön“ denken und auch nicht mehr „schön“ sagen, wenn ich eine Blume sehe oder den Sonnenuntergang betrachte. Statt dessen würde ich das Gefühl dieses Anblicks stärker wahrnehmen und vermutlich auch länger. Das Timing des Erlebens würde nicht mehr von der Länge der Worte oder ihrer Lawinendauer bestimmt. Oder bis der andere auch etwas dazu sagt: “Ja, schön, diese Blume!”. Oder oft wird auch gesagt: “Gestern habe ich schon mal so eine Blume gesehen. Ohne den unbeherrschten Sturzfluß der Worte in uns würde sich eine ganz andere Lebensdynamik ergeben. Eine freiere, sinnbestimmtere und eine verbundenere Lebenswelt. Ist das nicht eine wundervolle, ja paradiesische Vorstellung?

 

Beim Anblick eines armen, betrunkenen Penners würde ich nicht mehr zwanghaft die Worte „dieser arme Mensch” denken. Auch von dieser Endlosschleife „soll ich ihm helfen; muß ich ihm helfen; dem ist nicht mehr zu helfen; nein, ich geh weiter; nein doch, ich schmeiß einen Euro in seinen Hut“, von solchen bandwurmartigen Wortaneinanderreihungen, die in endlosen Mutationen oft in solchen Situationen auftauchen, wäre ich befreit. Andererseits könnte ich den Mann im Straßengraben auch nicht nach seinem Schicksal fragen. Wäre das überhaupt so wichtig? Oder ist es wichtiger, so einem Menschen einfach unter die Arme zu greifen, egal, was für ein Informationsstau sich hinter ihm verbirgt?

 

Ein Leben ohne Worte wäre ein radikaleres, unmittelbareres und ein authentischeres Leben. Man male sich nur aus, was wäre, wenn die Worte wegfallen würden, die uns die Möglichkeit geben, Grenzen zu ziehen: “Nein, ich will jetzt keinen Sex haben! Und mit Dir schon gar nicht”.

Ja, das kann schon Angst machen, wenn in einer wortelosen Welt nur Menschen leben würden, die zu ihrem Mitgefühl und zu ihrer Fähigkeit des Verständnisses nur verbal in der Lage sind. Die nie zu leben gelernt haben, weil sie nie anders, als in Wortgebilden gelebt haben. Die verbale Zurechtweisung, die Ermahnung, die Kritik und die Einstufung würde völlig wegfallen. Könnten wir in einer solchen Welt leben, ohne anarchischen Zuständen der Zerstörung und des Chaos ausgesetzt zu sein?

 

Die Isarauen in meinem geliebten Glockenbachviertel würde ich jedenfalls noch viel mehr genießen können. Da bin ich mir hundertprozentig sicher. Wenn es keine Worte gäbe, müßte ich nicht jedesmal, wenn ich mit einem Freund durch die neugeformten, biotopischen Anlagen spaziere, über diese unglaublichtollen, neugeformten, biotopischen Wasserlinien sprechen, endlich nicht mehr über dieses ‘gelungene Projekt’.

 

Dieses „Ich liebe Dich“ wäre endlich weg, das ich jeder Frau, die ich in meinem Leben zu lieben beginne, sage, ja fast sagen muß. Diese drei bedeutungsschweren Worte würden vielleicht durch einen Blick, eine Umarmung oder eine Gefühlsübertragung ersetzt werden. Authentischer, direkter, naher und unmittelbarer. Vor allen Dingen unmißverständlicher. Worte kann man eben nicht fühlen. Man kann sie nur denken. Oder sagen. Oft genug löst ein und dasselbe Wort bei zwei Menschen etwas Unterschiedliches aus. Gerade mit dem Wort ‘Liebe’ ist das so. Worte funktionieren nicht alleine. Sie beschreiben nur etwas und das auch nur ungefähr. Es braucht die sieben Sinne zu jedem Wort, und einen offenen Geist obendrein. Sind wir dazu in dem Wortedickicht überhaupt noch in der Lage?

 

Das Überhandnehmen der Worte und die eigendynamische Unbewusstheit ihrer Anwendung signalisiert, daß sie die Alleinherrschaft zu übernehmen beginnen.

 

An die Worte ausgeliefert zu sein, ängstigt mich mehr, als die Vorstellung einer Welt ohne Worte. Die fast schicksalshafte Gegebenheit, heute mit unzähligen Menschen konfrontiert zu sein,  welche die Mechanismen von Worten nicht im Geringsten verstehen, aber trotzdem so darüber reden, als würden sie es verstehen, die sich mit Worten eben alles einreden, – das empfinde ich viel eher als bedrohlich, als die Vorstellung eines worteleeren Lebensraumes zwischen uns Menschen. Denn ich glaube fest daran, daß unsere Sinne viel reifer und ausgefeilter funktionieren, als jedes noch so gut gestaltetes Wortkonstukt.

 

Auch dieses „mich nervt es, was Du gerade tust“, all diese Maßregelungen, andere Menschen mit Meinungsbrumborien zu überstülpen, nur weil sich darin angeblich unsere Freiheit ausdrückt, es wäre endlich weg! Schon wieder dieses Wort ‚weg‘. Ich mag das Wort ‚weg‘ nicht. Aber trotzdem sehne ich mich nach vielem, was dieses Wort ausdrückt. Daß der Ärger endlich ‚weg‘ ist, den ich habe. Daß das kalte Wetter endlich ‚weg‘ ist. Ohne das Wort ‘weg’ würde ich das nasse Wetter sicherlich nicht so furchtbar finden. Nur bei dem Wulff ist das anders. Der ist ja schon ‚weg‘, in einem Ozean von Worten ist er ertrunken.

 

Vorhin habe ich mein Frühstück weggeräumt. Das habe ich schnell gemacht. Aufräumen wird immer schnell gemacht, weil es ‚weg‘ sein muß, das aufräumen. Weil sich schon die nächsten Worte aufstauen, räume ich hastig auf. Denn danach, ja, da kommen wieder Millionen Worte, die es scheinbar abzuarbeiten, durchzudenken, zu verdauen oder zu kommunizieren gilt.

Es gibt so viele Situationen im Leben, die Begriffe wie ‚weg‘, ‚schlecht‘, ‚nein‘, toll‘, ja, stimmt‘, ja, da hat er recht‘, was für einen Blödsinn der schreibt‘, ‚er spricht mir aus der Seele‘ oder noch viel schlimmer, ganze Kaskaden von Worten auslösen. Sie schränken mein Leben ein.

 

Worte sollten nicht mehr Raum einnehmen, als der Verständigung zu dienen und in unserem Zusammenleben behilflich sein. In der Forschung und in der Organisation unseres Zusammenlebens braucht es mit Sicherheit die Worte. Aber nicht so viele Milliarden Worte, wie das heute der Fall ist. Haben wir unsere Verantwortung und unseren gesunden Menschenverstand an Wortkonstruktionen übergeben? Die wir hinbiegen, wie es uns paßt?

 

So bauen wir mit all diesen Worten unsere Scheinwirklichkeiten, die mit dem eigentlichen Leben nichts zu tun haben.

 

Das mit den Worten und mit der Wirklichkeit ist nämlich ähnlich wie mit der Definition von Antiquitäten: Selbst wenn ein saniertes, altes Möbelstück nur noch zu 50 Prozent aus dem alten Originalmaterial besteht, darf sie Kraft Gesetz Antiquität genannt werden. Dabei muß nicht einmal hinzugefügt werden, wieviel Neumaterial in dem ‚alten Möbel‘, das eigentlich gar kein altes mehr ist, drinsteckt.

 

Worte sind die Nägel unserer selbstgezimmerten Wirklichkeit. Mit ihnen hauen wir Verständnisbilder in das Gebälk unseres Gehirn. Abziehbilder, die wie Schießbuden-Stehaufmännchen in uns aufspringen, je nach dem, was für Erlebnisse gerade unsere Knöpfe drücken.

 

Ich glaube, es gibt da kein Drumherumreden: Wir befinden uns fest in der Hand der Worte. Gibt es keine Nachrichten, so werden sie erzeugt. Fehlt ein Ereignis von solch exorbitanter Bedeutung, daß es der Schlagzeile der größten Zeitung gerecht würde, so steht an dem Tag nicht etwa Nichts auf der Seite 1. Nein, das staatstragende Ereignis wird hochstilisiert oder gar erfunden, so wie ich es selbst früher auch manchmal gemacht habe. Ein paar Worte, gut gemixt und durchgerührt, mit einem netten Sahnehäubchen drauf, und schon bin ich aus dem Schneider.

 

Vor ein paar Tagen beherrschte die Schlagzeile „Blumen vergiftet!“ einen ganzen Tag und mit Sicherheit Millionen Wohnzimmer: Am Valentinstag konnte ich deswegen fast keine Rose mehr ansehen, ohne daß mir diese Worte durch den Kopf spuckten. Ich male mir das leidvolle Gezetere der Liebenden aus, deren Rituale durch einen so kleinen Satz ins Wanken geraten sind:

Er betritt die von Kerzenlicht erleuchtete Wohnung. Sie hat ein besonderes Gericht gekocht an diesem bedeutenden Tag  des Liebesgefühls. Und er hat den üblichen Strauß Rosen gekauft. So viele, daß es noch teuer genug ausschaute, aber so wenige, daß es noch nicht allzu teuer war. An diesem Abend ist alles anders als sonst: Zwei Worte beherrschen Millionen Gehirne und auch diese beiden. Ihre Romantik gerät aus den Fugen, als sie die Rosen sieht, die er ihr hinhält: „Wo hast Du die denn gekauft!?“ Sie holt sich die Plastikputzhandschuhe und stellt die Rosen mit unerfreuter Miene in eine Ecke. Hoffentlich nicht bei Tengelmann, dort sind sie giftiger als anderswo! Ich mag diese Rosen nicht!“

Den Valentinstag würde es ohne sein Wort nicht geben. Ich bin voll davon überzeugt, daß das ganze Jahr zum Jahr der Liebenden werden würde, wenn dieser Tag endlich sein Wort verlieren würde. Diese Worte haben etwas Trennendes, wenn sie mit den an ihnen hängenden Bedeutungen so in unser Leben hineingreifen. Sie spalten uns ab von dem, was wir sind: fühlende Wesen. Und sie überbetonen das, was wir lediglich zusätzlich sind: Der Sprache mächtig.

 

Jetzt ist draussen ein hellblaues Stück Himmel aufgetaucht. Ach wenn ich dieses Stück Himmel doch nur einfach so anschauen und genießen könnte. Und nicht gleich denken müßte: Spaziergang!? Skifahren!? Wird’s jetzt Schönwetter oder ist es gleich wieder weg!?

 

Ohne Worte zu leben empfinde ich als eine befreiende Vorstellung. Dieses endlose Bewerten fällt sofort weg oder wird zumindest radikal eingedämmt. Wir könnten andere Menschen viel mehr einfach so sein lassen, wie sie sind. Es gäbe viel weniger Streit. Denn der wird fast nur mit Worten ausgefochten. Mit den Mißverständnissen wäre es vielleicht sogar ganz vorbei, da wir uns wegen unserer unterschiedlichen Auffassungen der Bedeutung von Worten nicht mehr in die Haare kriegen würden. Die vielen unterschiedlichen Namen für die Götter und die Religionen würden wegfallen.

Der Wulff würde endlich nicht mehr Wulff heissen und das fände ich ja etwas besonders Schönes. Da er nicht mehr Wulff hieße, wäre er freier von dem Image, das ihm jetzt anhaftet. Neue Handlungen und ein neues Leben könnten ohne die überbordende Wortmasse wirklich zu einer neuen Chance werden. Einer wirklichen Möglichkeit der Bereinigung. Doch so, was wird er machen, der Herr Wulff? Er wird neue tolle Taten tun und diese gleich in schillernde Wortekleider hüllen. Ohne Worte blieben seine Tagen alleine, pur. Mit Worten verklären sie sich zu den ausschnitthaften Wahrnehmungen, mit denen sie kommuniziert werden. Mit kommunizierten Worten wird uns die freie Assoziation dessen, was einer getan hat, ungefragt weggenommen.

 

Deswegen liegt in der ungestümen und unbewussten Inflation der Worte, die zur Zeit so sehr grassiert, auch eine Gefahr für unsere freie Meinung und die Authentizität unserer inneren Haltung.  All dies wird durch Worte ersetzt. Und als beängstigend daran empfinde ich, daß diese Entwicklung kein Ziel hat. Sie wirkt irgendwo hingerichtet, sie flimmert zuckend irgendwie in die Zukunft und sucht sich einen eigendynamischen, eigenen Weg. Diese Entwicklung geschieht aber nur wegen der Beteiligung so vieler Menschen – deren Werteverständnis und Bewusstsein darüber.

In solchen nebulöseren und düsteren Zonen des Umgangs miteinander, wie der Desorientierung unserer Zeit, oder der Korruption und der Lüge des Herrn Wulff, erfüllen Worte allerdings auch die Funktion von Lichtern. Hier sind sie nicht die Nägel, die unseren Geist vernageln, sondern die erhellenden Taschenlampen, die verhindern, daß es allzu modrig wird. Hier brauchen wir die Worte dringend, so daß sie in beide Richtungen leuchten können. Doch es stellt sich auch die Frage, ob solche Formen der Kumpanei und der Intrige ohne Worte überhaupt entstehen könnten.

 

Vielleicht würden wir in einer Welt ohne Worte ganz andere Sinnesfähigkeiten und Wertverständnisse entwickeln. Sei dieser kleine, utopische Gedanke erlaubt? Er soll ja nur eine kleine Anregung sein.

Vielleicht würde es friedlicher zugehen unter uns Menschen. Der Reiche wäre halt reich, der Arme arm. Aber aus einem Mitgefühl, das nicht von Worten und einer zynischen Begriffsbigotterie gestört und zugedeckt würde, würden sich die Menschen mehr helfen. Sie würden mehr im Herzen leben. Vielleicht gäbe es gar keine Reiche oder Arme mehr. Sind nicht gerade die Worte die Säulen unseres dualen Weltbildes, in dem wir zwischen reich und arm, gut und böse, hell und dunkel, weise und dumm unterscheiden, bewerten und hochjubeln oder vernichten? Worte können zu Käfigen unserer Herzen und unserer Gefühle werden, wenn wir die Zügel zu ihnen aus den Händen geben.  Unsere Sinne werden freier, die Visionen, unser gesunder Menschenverstand, unsere Intuition. All diese ausgezeichneten Gaben, die wir so oft unter die Worte stellen. Beispielsweise wenn es sich um die Definition von “Erfolg” dreht und sofort das Wort “finanzieller Gewiiiiiin!!!!!” durch den Kopf dröhnt. Das Wort Erfolg alleine hätte ohne eine Anwendung durch uns keine Bedeutung mehr. Also wer ist der Handelnde: Wir oder Worte wie “Erfolg”?

 

Ich liebe die Worte auch. Sie geben meinem Leben so unendlich viele Gestaltungsmöglichkeiten. Das ist atemberaubend und es macht das Schreiben zu einem Schwelgen im Schlaraffenland. Aber es ängstigt mich auch manchmal, wenn ich sehe, was Worte alle auslösen und verhindern können. Was sie an Unnötigkeiten verursachen. Ja, ich liebe es, zu schreiben und mich durch Worte auszudrücken. Gedichte und inspirierende Texte lösen wunderbare Gefühle und interessante Überlegungen in mir aus. Erst durch die Worte kann ich genauer zwischen Liebe und Haß differenzieren. Aber ich mag es nicht, wenn mich die Worte einengen. Und manchmal fühlt sich das schon so an. Vor allen Dingen, wenn sie in so unausweichlicher Masse auftreten.

 

Da steht sie immer noch die Tasse Tee. Zwanzig Minuten später. Ich habe daran genuckelt. Viertelvoll jetzt. Ganz kalt jetzt. Umzingelt ist sie von Worten. Überflüssiges Wortzeugs, das. Wortunkraut. Bring ich sie weg, die Tasse? Lass ich sie stehen? Sie schaut eigentlich ganz gut aus. Beinahe wie ein Objekt. Die Farbe des Tees gleicht der meines Schreibtisches… Draussen ist der Himmel noch hellblauer geworden. Noch mehr als vorher. Wird er noch hellblauer? Sommer? Frühjahr? Kommen Blumen? Einkaufen, Tulpen, ja Tulpen!!!! Hab noch drei Stunden Zeit, dann machen sie zu am Viktualienmarkt. Aber da springen sicher schon betrunkene Rotnasen herum. Das hellblaue Himmelteil ist weg.

Kommentare

comments

 

“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)