Zwischenzeiten

Zwölf Stunden im neuen Jahr. Ich bin immer noch derselbe! Das Feuerzeug in der rechten Hosentasche. Mal in der linken. Es könnte auch Kleingeld sein, wonach ich schon mein ganzes Leben lang suche. Vielleicht sind es eben wirklich nicht die großen, sondern die kleinen Dinge, um die sich alles dreht. Aber sind kleine Dinge nicht angeblich austauschbar? Jedenfalls bleibt als einziger gemeinsamer Nenner bei all diesen Dingen: Immer am Suchen. Unfähig zu genau jener erträumten Disziplin, wegen der dieses Wort vielleicht einmal geprägt worden ist.  Hat das Glück damit zu tun, immer alles genau so zu machen, wie immer, oder wie es sein muß? Wohl kaum. Das widerspräche dem Gesetz der Austauschbarkeit.

 

Heute hat es bereits langsam und unmerklich zu verwehen begonnen, dieses Wünschen und Paradiesen.  Zwei Wochen von diesem Feiertagsortiment sind fast vorbei.  Es werden wieder die Tage gewesen sein, vor denen das Jahr jäh auf die Bremsen trat, weil es wegen seines schlechten Gewissens noch mal eben kurz den Hauch einer Paradiesillusion verbreiteten wollte. Ganz schnell mal.

Es hörte sich wie ein Glücksglucksen an und es verbreitete sich wie eine ansteckende Schluckaufkrankheit: Jeder, bei dem man dieses Gefühl wahrnahm übertrug es auf einen selbst. Alles Gute wünschte man sich. Jedem. Völlig egal, wem, automatisch. Wünsche, Geschenke, mittlerweile oft auf Rund-Emails und auf Pauschalgesmse reduziert. Die Rituale erstarren in immer kleineren Kristallen. So zogen sie in Indien zu Weihnachten wieder ihr Gestrüpp über die Sandstrände, vorbei an den Hippies,  der neuen, reichen subkontinentalen Elite, Meditationsfans und Retirementkünstlern, um vor ihren Schilfhütten weihnachtsbaumähnliche Gebilde zu basteln.

 

Ich habe versucht, damit aufzuhören, meine Hand immer von der linken in die rechte Tasche wandern zu lassen, auf der Suche nach den Kleinigkeiten meines Lebens, die ich immer ganz schnell mal irgendwohin wegstecke. Ich wollte einfach nicht mehr über die Unterschiede nachdenken, ich wollte nicht mehr vergleichen. Aber das ist alles viel zu schnell gegangen. Jetzt geht alles wieder von vorne los. Fast ist es so, als hätte es keine Zwischenzeit gegeben. Das Augenmaß stellt sich bereits auf die nächsten zwölf Monate scharf. Oder auf Jahre. Oder auf das ganze Leben. Von dem weiß ich aber nicht, wie lange es dauern wird. Wie irrelevant wird in diesem Licht mein Murren über dieses und jenes. Ob das Kleingeld nun links oder rechts steckt. Ob die Krise nun noch ein Jahr oder eine ganze Dekade lang dauert. Ob wir wieder genüßlich über die Politheinis der kommenden Saison wettern werden oder was auch immer. Es ist doch wirklich völlig wurscht. Ich entgleise jetzt, ich weiß. Es gerät aus den Fugen mit diesen Worten. Denn was können sie überhaupt umfassen, diese Worte, die vielleicht völlig blödsinnig sind, rhetorisch ungelenk, zu wenig hoch und zu wenig tief, philosophisch flach, schon dagewesen, nichts Neues bringen, zu so oder so, ja, die eben nur das tun, was Worte eben tun: diese Zwischenzeiten überbrücken, die keine Uhr haben und die nie beginnen und die nie aufhören.

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