Geschrieben am 15. Dezember 2011 um 10:39

Kommentar anläßlich der Anfeindungen gegen die Tagesspiegel-Kolumnistin Hatice Akyün.

 

In Vietnam geriet vor kurzem eine wunderschöne, vielleicht zwanzigjährige Frau mit einer undefinierbaren Chemikalie in Kontakt. Nach wenigen Wochen sah sie aus wie eine häßliche, verschrumpelte 80jährige. Erschreckend. Zuerst schauten sie alle hin. Es war so sensationell, wie bei einem irren Unfall. Dann aber wurde es unangenehm, unpopulär und alle schauten weg, weil es eben so abscheulich ist, dieses Bild schon alleine. So eine Krankheit, je meine Güte, sie tritt ja auch nur so vereinzelt auf, Gott sei Dank. Bei den anderen, nicht bei uns. In der Dritten Welt, in der Vierten, Fünften,  im Osten vielleicht noch, bei den Armen und so, ja, nur dort, bei denen. Sowas passiert gewiss auch aus Gründen, die man erklären könnte, ist doch klar, wenn man da mehr drinstecken würde, tut man aber halt nicht, aber man kann halt ja nicht überall drin stecken, halt… Was solls: Ab in die Vergessenheit, nächstes Thema bitte.

 

Akute und hochbrisante Problemthemen wie der Ausländer- und Fremdenhass, Rassismus und das Phänomen zum Töten bereiter, rechtsradikaler Organisationen führen heute ein Dasein wie die Viren solcher Krankheiten. Sie altern in Höchstgeschwindigkeit. Doch dann mutieren sie plötzlich und werden mit einem neuem Urschrei wieder aktuell. Kaum ist das so, gellt regelmässig dieser Aufschrei durch das Land, der so klingt wie ein gespieltes Dramaentsetzen. Simultan ertönen sofort die salbungsvollen Beschwichtigungsrufe. Denn dieser, besonders von den Medien zu verantwortende, Turboalterungsprozeß ist in unserem Bewusstsein zur Gewohnheit geworden. Wir können sicher damit rechnen, daß der Sturm so schnell vorbeigeht, wie der im Wasserglas. Verfassungsschutz haben wir außerdem, die Polizei, ja die machen das schon. Bis die nächsten Toten auftauchen. Bis der nächste Mensch „mit Migrationshintergrund“ bedroht, beschimpft und erniedrigt wird.

 

Abgestumpft sind wir hier in Deutschland. Zu gut geht es uns. Ausländerhass ist normal geworden. Könnt Ihr das einsehen, Ihr alle!? “Migrationshintergrund” eben, was ist das schon! Die paar Beschimpfungen gegen eine Journalistin. Weegsteeeckään wird geraten. Und darüber hinaus: Die kleine Neonazi-Zelle halt! Halt: Alle paar Tage werden neue mutmassliche Mittäter gefasst, also funktionieren unsere Systeme doch! Obwohl sich herauskristallisiert, daß sie eine ausgewachsene Organisation zu sein scheint, nennen sowohl die Medien, als auch Ermittler diese Mordbewegung nach wie vor niedlich „Zelle“.

 

Geh zurück, wo Du herkommst! So und viel schlimmer wird in diesen Tagen die engagierte deutsche Journalistin Hatice Akyün beschimpft, nachdem sie mit dem Intergrationspreis dieses weitentwickelten Landes ausgezeichnet worden ist. Eines ihrer wertvollen Verdienste ist es, gerade diesen thematischen Alterungsprozeß immer wieder aufgehalten oder verlangsamt zu haben. Dieser Preis, den sie in den Händen hält, führt leider ein Kielwasser hinter sich her, das voll ist mit braunen und gräßlichen Hässlichkeiten. Sogar ein Reiseticket weg aus Deutschland soll ihr mit verletzenden Worten zugeschickt worden sein.

 

Naja, denken sich die Diskutierreihen unserer bedenkenverrunzelten Demokratiebürger, die sich millionenfach durch dieses Volk ziehen – ich nenne sie in diesem Text mal testweise „Softnazis“, mal sehen, was dabei herauskommt: Naja, was solls schon, warum nimmt sie den Preis auch an? Muß sie doch wissen, was sie da annimmt, hm? Ist doch normal, oder? Und überhaupt, wir haben bald Weihnachten, gibt es keine wichtigeren Probleme? Arme Menschen leiden bei uns, woanders verhungern sie. Natürlich, ist doch klar, daß ein Prominenter mit “Migrationshintergrund” Hassbotschaften bekommt, wenn er diesen Preis auch noch annimmt. Aaanniiimmmt! Ist doch alles klar. Jaja, da muß man dat muß man halt ma wegstecken können!

 

Furchtbar finden das die einen. Normal die anderen. Mit den Achseln werden viele zucken, ein schöngeistiges Zucken in ihren Mienen und Schultern ist das, man kann deswegen kaum etwas machen dagegen. Dieses mitgefühlige Kopfschütteln beim Abendbrot zum guten Wein, auch ein kleinwenig froh seiend, daß mit dem Thema ein guter Gesprächsbeitrag notfalls auch ganz zusammenhanglos leistbar ist. Um die Langeweile und das eigene, immerpräsente Schlechtgefühl zu überbrücken, tut man so, als würde man sich mit gutem Gewissen mit den richtigen Menschen auf der richtigen Seite fühlen. Ein kleines Aktivitätsgefühl wenigstens. Ein bisschen Rucken, und schon ist man wieder zufrieden. Sie tauschen ihre Platitüden aus und sonst nichts. Viele dieser wohlmeinenden Ratschläge dieser Art bei Facebook zählen zur Speerspitze dieser neuen Softigkeit. Sie lesen sich so wabbelig softwachsweich, so hingeflossen, zerfliessend und wegfliessend, diese Kommentare, die als Antworten auf Hilfeschreie geschrieben werden, daß mir das Chatten immer häufiger gefriert.

 

Aber vielleicht ist es ja auch so: Banal! Wieder einmal wird halt ein toller und couragierter Mensch, der so viel geleistet hat, daß er mit einem großen Preis ausgezeichnet wurde,  beschimpft und diffamiert von diesem scheinbar unbekämpfbaren, rechtsradikalen Sumpf auf der einen Seite. Kopfschüttelnd sitzt ihm die andere Seite gegenüber. Die tauscht weise nickend ihre Botschaften aus. Diese Millionen, die allesamt im guten Gewissen, daß sie das alles furchtbar, ganz furchtbar finden. Sie fühlen sich wohl in ihrem Furchtbarfinden, sie gehören ja nicht dazu, zu all dem. Denn das, was passiert, ist ja immer außerhalb. Es ist  offenbar auch nicht ihr Problem und deswegen müssen sie nichts tun, als zu Chatten. Es sind doch nur wieder diese Spinner, die solche Hassbotschaften aussenden. Die reiben sich die Hände. Es müssen Massen sein, spinnende Massen, hierhin und dorthin sympathisierende  Massen, Themensympathisanten, die sich chronisch im Recht fühlen. Sie sind fast noch schlimmer. Diese Millionen von Menschen, die andere Menschen hassen in diesem Land, sie gehen abends egopoliert ins Bett und schlafen wohlig ein, sie haben es wieder einmal geschafft: Andere mit irgendetwas in Rage zu versetzen, mit einem bösen Brief bis hin zu einem Mord, ohne daß auch nur irgendeiner von uns aus seinem mit eigengeschissigem Mist ausgebetteten Mauseloch herausgekommen wäre.

 

Spinnerspielzeug für unsere Entschuldigungsgehirne sind sie leider nur, solche Ereignisse. Doch wirklich ernsthafte Gefahren sind die Täter, die hinter solchen Botschaften und Handlungen stecken. Das sind nicht „Zellen“, nicht „Kreise“, nein, das sind undefinierbare Gewalten geworden. Da hat sich offenbar weitflächig ein Geist in Deutschland breit gemacht, der seine Konturen nicht mehr zeigt. Er wabert herum weit über parteiliche Farbgrenzen hinaus in den Internetchats, in Bargesprächen, Restaurant- und Abenddebatten, zwischen Kino- und Krisengespräch. Merkel, FC Bayern oder die Kunstausstellung von gestern und übrigens: Hast Du das von Hatice Akyün gehört? Furchtbar. Hast Du schon Weihnachtsgeschenke gekauft? Furchtbar, diese Massen in den Einkaufspassagen, gell?! Und so viele Araber und Russen!

 

Pausenlos formulieren wir uns mit unserem Rechtfertigungsvokabular zwanghaft eine heile Welt zusammen. Deswegen erscheint es so vermeintlich klar: Man sollte, wenn überhaupt etwas, gerade all sowas nicht so ernst nehmen, was als Thema sowieso veraltet ist. Sonst würde es vielleicht plötzlich Wirklichkeit, und ja, ganz wirklich ernst werden! Dann müßten wir etwas tun. Nicht mehr rumsitzen, chatten, Ratschläge verteilen, während wir die Kommentar-Threads von mehreren Konversationen gleichzeitig bedienen und diesem verheerenden, thematischen Veralterungsprozeß Vorschub leisten.

 

Haalt, kommt schon, ich klopf Euch auf die Schultern, Freundinnen und Freunde! Nicht zu persönlich nehmen, das was ich hier schreibe, nein bloß nicht! Dich selbst meine ich doch nicht, Dich jetzt gerade, der Du Dich aufregst und getroffen fühlst, Dich mit Sicherheit nicht! Es sind die anderen die ich meine. Die anderen, nicht Dich selbst. Also versteh mich bitte richtig, ich erklärs nochmal auf andere Weise, Motto: Schreien Dich ein paar Leute auf der Straße an, daß Du das allerschlimmste Arschloch seist, so lächle über sie. Das kannst Du doch ab, oder bist Du zu sensibel? Das sind doch arme Menschen, denen man helfen muß, also was solls. Und sie meinen ja nicht Dich. Und ihr Hass wurzelt doch in einer frühkindheitlichen Neurose. Und die Kugeln und Pfeile, die sie auf Dich schießen, die sind ja auch nicht persönlich gemeint. Es waren außerdem nur ganz wenige. Eine Zelle halt. Mittäter werden zwar gefunden, immer mehr auch. Aber halt nur Mittäter, Menschen, die hinter ihren Taten verschwinden.

 

Auch das aktuelle Hatice Akyün – Phänomen ist so eine Zelle. Etwas, was doch klar ist, daß es so wirklich nicht geht. Dessen Gefahr und Bedeutung aber völlig verkannt wird, in so einer Situation.

 

Abgestumpft sind wir. Schaus Dir doch an, das Geplärre in Deinem Gehirn, allein was diese Worte schon wieder für ein Stimmengewirr in Dir auslösen: Ja ja, der „Migrationshinter-grund“. Aber, aber, aber ist es nicht in Holland, in Frankreich und den USA genauso? Man muß nur mal nach Budapest oder  Colorado schauen, oder kennst Du Texas nicht? Jawohl, dort geht es erst richtig schlimm zu, da kann man über das kleine, rechtsradikale Würmchen unter unserer Haut nur lachen. Ja, man sollte sowas nicht so ernst nehmen, so ein Phänomen, nicht dramatisieren. Es verbreitet außerdem eine schlechte Energie, wenn man zu viel darüber spricht. Wie gesagt: Weihnachten. Bald Geburtstag. Bald wieder Ostern, Ferien, Wochenende, bald tot. Mann, gibt es denn nichts Schönes mehr in dieser Welt, über das man reden kann? O.k., zugegeben, ja, warum mal ich nur alles so schlecht? Kommt, laßt uns das Thema wechseln!

 

Keine Sorge, dieses Thema wechselt sich tatsächlich von selber aus, so wie die Viren von Krankheiten mutieren. Es wird von neuen Themen überdeckt. Es ist so abgedroschen, daß es keiner länger haben will, als zwei bis drei Schlagzeilen lang. Und deswegen ist es so gefährlich geworden. Sicherlich, die Rechtsradikalenliste ist anscheinend etabliert. Vorsicht aber, sie erfasst nämlich gerade diese Mittäter, die ich mit „Softnazis“ bezeichne, nicht. Und die mit dem Thema verbundenen Worte kann auch fast keiner mehr hören: Rechtsradikale. NPD, Neonazis, Ausländerhass, Intergationsdebatte… Grauenvoll. Und außerdem reichen Verbote und gesetzliches Durchgreifen sowieso nicht aus. Es dreht sich um ein Bewusstsein für den tragischen Zustand dieses gesamten, gesellschaftlichen, kollektiven und menschlichen Komplex, den ich hier fragmentarisch skizziere.

 

„Geschichtsverjüngung“ müsse betrieben werden, wurde mir kürzlich trefflicherweise über das mangelnde Bewusstsein bei jungen Menschen zum Geist der Widerstandskämpfer der Weissen Rose gesagt. Doch was ist mit diesen heutigen Problemen, die denen von damals nicht ungleich sind? Sie befinden sich in diesem Schnellalterungsprozeß, ähnlich wie bei jenen Krankheiten, die in Vietnam aufgetaucht sind. Heute brandheiß. Morgen kalt. Alt. Schlechte Energie erzeugend.

 

Abgestumpft und antriebslos sitzen wir dann weiter im Jägerstand unserer Harmonie herum. Mal nehmen wir dieses, mal jenes Thema ins Visier, uns immer aktiv und engagiert und dann nach der gehörigen Unzufriedenheit wieder zufrieden fühlend. Aber immer geschützt und außer Gefahr. Wir Neozufriedene befinden uns weit weg von jeder Konfrontation. Einfallslos, mutlos und ohne Courage.

 

Es ist deutlich sichtbar, daß eine begriffliche Verniedlichung einer Bedrohung um sich gegriffen hat, die wie ein malignes Geschwür durch unser Zusammenleben wuchert: Der existierende Hass Unzähliger gegenüber anderen Menschen. Dieser Hass wird obendrein medienthematisch verklärt. So etwas war historisch oft die Vorstufe zu Kriegen oder schweren Zerwürfnissen. Und das Schlimmste ist, daß es offenbar bei diesen Vielen, die solche Hassmails schreiben und die solche Gesinnungen kundtun, noch viele mehr geben muß, die all dies mitbekommen und quasi mitmachen. Einer, der so eine Mail schreibt, der zeigt sie sicherlich vielen anderen. Sie bekommen all dies in der allernächsten Nähe des Hasser mit. Offenbar sagen die Zeugen dieser Hasser in diesem frühen Stadium ihrer Wahrnehmungen nichts. Vielleicht sind sie einer Meinung. Vielleicht nur einer halben, viertelten. Jedenfalls stellen sie die Hasser nicht. Sie können sie als solche anscheinend nicht einmal identifizieren und deswegen begreifen sie vermutlich das ganze Problem nicht. So reden sie nicht mit ihnen differenziert darüber und sie machen nichts mit ihnen, das die davon abhält, ihre Hassbotschaften zu verschicken. Sie sitzen daneben in ihren Jägerständen und schauen sich gegenseitig mitfühlig an. Mitwisser, ja, jene eben, die hinter ihren Taten verschwinden. Es werden diejenigen sein, die später sagen: Wir haben von nichts gewusst.

 

Deutschland, dieses überlieferte Volk der Dichter und Denker, diese Gesellschaft mit ihrem aufgeblähten Europa-Selbstbewusstsein, welche in dieser Zeit der Globalisierung die Integration hochhält wie eine Art jonglierbares Wetterleuchten, es ist  ein auseinandergefallenes Volk. Immerhin leuchten in Deutschland Persönlichkeiten wie Hatice Akyün, die sich, weit entfernt vom eigenen Jägerstand, schutzlos gegen dieses Schnellaltern von dringend zu behandelnden Problemen engagieren. Respekt!

 

Doch dieses Deutschland, es erscheint mir fast zu schwach auf der Brust. Es kann sich nicht einmal mit dem Problem tiefgreifend  auseinandersetzen, welches sein größtes ist: Hass.

 

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)