Geschrieben am 14. Oktober 2011 um 19:54

Als ich noch ein ganz kleiner Junge war, habe ich eine zeitlang gerätselt, was das ist: ein Freund. Mein Vater hatte so einen. Der kam alle paar Tage mal vorbei, oder mein Vater ging ihn besuchen. Sie redeten mal viel. Ein anderes mal saßen sie nur da und spielten Schach. Oder sie gingen wortlos miteinander spazieren, während ich nebenher trottete und die beiden absichtlich zu enervieren versuchte, indem ich ins Gestrüpp lief und mich versteckte. Es war mir als kleiner Dreikäsehoch ein Rätsel, was an einem ‘Freund’ so toll sein soll, wenn man mit ihm nur solch langweilige Dinge machen kann. Außer, daß sie sich ‚Freunde‘ nannten, konnte ich an der Beziehung zwischen meinem Vater und seinem Freund nichts Aufregendes entdecken. Trotzdem fing ich klammheimlich an, meine eigenen Beziehungen mit Jungen und Mädels daraufhin zu untersuchen, ob da für mich vielleicht auch mal so ein ‚Freund‘ oder eine ‚Freundin‘ dabei wäre. Wenn ich heute zurück sinniere, dann wirkte das Ganze damals auf mich so, daß eine Beziehung mit einem Menschen erst dann eine gelungene ist, wenn man befreundet ist. Als Mensch, vor allen Dingen als Erwachsener, braucht man einen Freund, dachte ich mir. So sagte ich dem erstbesten Jungen, den ich ein paarmal getroffen hatte: “Gell, wir sind jetzt Freunde, nur daß Du das weißt! Ich werd Dir zeigen, wie das geht.” Und damit verdonnerte ich ihn zum Schachspielen und zu langweiligen Spaziergängen, bei denen uns absolut nichts, aber auch gar nichts einfiel, was wir reden sollten. Die Freundschaft hielt nicht sehr lange. Wir hielten es beide vor Langeweile nicht mehr miteinander aus.

 

Ich habe mir das ‘befreundet sein’ später per ‘Learning by Doing’ autodidaktisch selbst beigebracht und lerne dabei nicht aus. Heute habe ich nur sehr wenige, vielleicht nur 2-3 Menschen in meinem Leben, von denen ich sagen kann, daß ich sie seit vielen, vielen Jahren ‚Freund‘ nenne, so lange, daß sie einen Großteil meines Leben mitverfolgen konnten. Lange Zeit war mir nicht recht klar, was ‚Freundschaft‘ wirklich  bedeutet. Um ehrlich zu sein, frage ich mich immer wieder, ob das nicht eine Idee unseres Gehirns ist, die wir einfach so nennen: ‘Freundschaft’. Aber irgendetwas muß schon dran sein an dem Phänomen. Warum sonst rufe ich immer den einen an, wenn ich einmal einen Abend mit einem Freund verbringen will oder den anderen, wenn ich mir einen gemeinsamen Spaziergang vorstelle?

Wir haben uns viel erzählt, meine Freunde und ich. Irgendwann war es glaube ich alles, was es zu erzählen gab und trotzdem haben wir weiter geredet. Wir haben uns auf alle möglichen Dinge hingewiesen. Wir haben uns nach unserer Meinung gefragt, nach gegenseitigem Rat. Irgendwann kannte ich alle Meinungen und wußte fast jeden Rat. Die Freundschaft dauerte trotzdem an. Also ist sie keine Ratgebe- oder Meinungsabfragbeziehung. Sie muß etwas anderes sein.

 

Umso größer die Freundschaft wurde, desto tiefer, vertrauter und desto selbstverständlicher waren die Begegnungen.

Heute muß währenddessen oft gar nichts mehr geredet werden. Das fühlt sich oft sehr entspannend an. Und manchmal ist es dann so, daß der eine plötzlich ganz unvermittelt etwas sagt, fast wie aus der Luft gegriffen. Danach sagt der andere etwas, vielleicht etwas ganz anderes. Und trotzdem ist eine Synchonizität in dem Gespräch vorhanden. Selbst wenn ich einen Freund sehr lange Zeit nicht gesehen habe, so wirkt es auf mich – wenn ich ihn wieder sehe -, als würde kaum ein Hauch von Zeit vergangen sein.

 

Manchmal stören mich die stereotypen Themen in meinen Gesprächen mit Freunden: Das neue Zen-Buch, die Wirtschaftskrise, Tratschen über andere, die Story von der letzten Reise. Es wiederholt sich so viel. Wir Freunde haben immer wieder versucht, uns gegenseitig zu inspirieren und anzuregen, und dennoch sind Sprünge in unsere Gesprächsplatten geraten. Wiederholungen schlichen sich ein, und die begannen wir als Freundschaftsrituale zu kultivieren.

Mit interessanten Geschenken, Büchern und Ideen, was man unternehmen könnte, haben wir uns immer wieder zu überraschen versucht. Doch trotz allen Bemühens ist es so, daß wir gerade in langen Freundschaften immer wieder über das Gleiche sprechen. Als würde nichts Neues passieren. Oder als würde in uns der schiere Stillstand platzgegriffen haben. Obwohl es rein faktisch schon immer wieder etwas zu erzählen gibt, wird es oft nicht mehr erzählt. Wir kennen diese Arten von Geschichten doch bereits. Trotzdem geht die Freundschaft weiter. Das Neue ist also für eine Freundschaft auch nicht besonders wichtig. Ist sie ein Selbstgewächs, eine abstruse Form von automobiler Hirngespinst-Beziehung, diese Freundschaft?

 

Es kann sich in einer Freundschaft letztlich auch nicht darum drehen, daß man sich mit immer wieder neuen Geschichten oder Aktionen gegenseitig eine gute Unterhaltung bietet. Denn im Laufe der Zeit gehen auch diese Ideen aus, außer man stampft sie in Bierdeckel ein oder poltert sie über Kneipentische hinweg. Nur weil zwei Menschen sich befreunden, müssen diese nicht notwendigerweise plötzlich zu gegenseitigen Entertainern werden. Dieses Bedürfnis habe ich noch nie an eine Freundschaft gehabt und damit fällt dieses Charakteristikum auch aus für diese Beziehungsform.

 

Das gegenseitige Kennenlernen ist ein wunderschönes Phänomen der Freundschaft. Man bekommt im Laufe der Zeit viel voneinander mit. Umso mehr man kennenlernt, desto mehr Gedanken, Gefühle und Vertrautheit entstehen dazu. Man spricht übereinander, vielleicht analysiert man sich gegenseitig auch ab und zu. Man beginnt sich vielleicht sogar zu kritisieren, auf dieses und jenes hinzuweisen, zu streiten und wieder zu versöhnen. Man sieht sich lächelnd an und erkennt an dem vertrauten Blitzen in den Augen des anderen: Wir sind doch Freunde!

 

Von der Tendenz her stelle ich fest, daß all diese Action, dieses gegenseitige Bewerten, Aufrechnen, Vergleichen, Kritisieren, Animieren, Inspirieren und dieser für junge Beziehungen oft typische Zwang, alles so gut wie möglich machen, und alles kommentieren zu müssen, in lang andauernden Freundschaften immer mehr wegbleibt zu Gunsten einer wunderbar angenehmen Form der Akzeptanz dessen, wie man ist. Ist Freundschaft vielleicht eine Art Beziehungs-Meditation?

 

Irgendwann ist der Freund meines Vaters gestorben. Ganz plötzlich. Sie wollten sich eigentlich noch zu einer Wanderung treffen. Mein Vater ist zu ihm hoch gefahren in den Norden, tausend Kilometer, um ihm das letzte Geleit zu geben. Ich glaube, das ist es, was man sich in einer Freundschaft gegenseitig gibt: Geleit.

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)