Geschrieben am 6. Oktober 2011 um 12:16

Zum Tode von Steve Jobs

 

Gestatten oder werde ich jetzt gelyncht? Meine Worte über den Tod des Applechefs Steve Jobs werden nämlich persönlich sein, so wie die Verehrung vieler für ihn auch eine persönliche und – wie es mir erscheint – völlig irrationale ist. Ich interessiere mich eigentlich nicht für Computermanager oder Firmengurus. Doch das Ableben eines solchen Menschen, bei dem weltweit die Kerzen angezündet werden, die Zitate der von ihm ausgesprochenen Lebensweisheiten ausgetauscht werden und eine beinahe weltweite Kollektivtrauer entsteht, hat auch meine Schreibfeder gepackt. Und da ich auf die Schnelle nicht in der Lage bin, eine differenzierte Recherche anzustellen, möchte ich den persönlichen Ansatz meiner Ausführung betonen. Und der beginnt bei meinem Unwohlsein. Irgendwas an der Steve Jobs – Hysterie stört mich schon seit langem. Es ist dieser Personenkult, der doch sichtbar auf widersprüchlichen Pfeilern steht. Es ist dieser ausgesprochene Wunsch Jobs, marktbeherrschend zu sein (frühere Reden) und gleichzeitig vom Weg des Herzens zu sprechen (Stanford – Rede 2005).

 

Steve Jobs hat seinen Kommunikationsprodukten den Namen „i“ gegeben. Das heißt auf deutsch „ich“. Die Identifikation mit Jobs` ich-Produkten führte zum Wahn von Tausenden, der sich darin äußerte, daß sie um 3 Uhr morgens vor den geschlossenen Geschäften auf den Straßen in der Kälte warteten, nur um als Erste das neue i-phone zu ergattern. Diesen i-Hype hat Steve Jobs selbst bewußt durch ein gezieltes Marketing vor dem Verkaufsstart geschürt. Die Legende der I-Produkte vor ihrem Marktlounge wurde u.a. von Geschichten geprägt, nach denen Jobs einzelne Mitarbeiter nur deswegen fristlos feuerte, weil sie mit dem neuen I-Produkt nicht diskret genug umgegangen sind.

 

Obwohl er bereits früh als genialer Computerentwickler weltberühmt und reich wurde, avancierte Steve Jobs mit seinen i-Produkten und dem daraus resultierenden Comeback und Megaerfolg von Apple zum unangefochtenen Guru der Computer-Industrie. Nur er war Apple, sonst niemand. Und Computer war Apple, jedenfalls wollte er es so haben. Dies ist einerseits verständlich, wenn man dazu die ungeheure Lebensleistung des Amerikaners dagegen hält: Er hatte – zusammen mit seinem damaligen Partner Steve Wozniak – in den späten 70er-Jahren den ersten Apple-Computer gebastelt und damit den Urknall der Computerindustrie mitgezündet. Apple stieg innerhalb weniger Jahre in die Forbes 500 auf. Als Jobs von Apple wegen Streitigkeiten wegging, begann ein jahrelanger Niedergang der Computerfirma. Und als er das Unternehmen wieder leitete, stieg es zum erfolgreichsten Computerkonzern der Welt auf. Seit das Unternehmen börsennotiert ist, reagiert sein Aktienkurs sensibelst auf das Befinden und die Gerüchte um seinen großen Chef. Als vor ein paar Jahren bekannt wurde, daß Jobs an Krebs erkrankt sei, brach der Kurs richtiggehend ein. Und als Jobs dieses Jahr die Unternehmensführung abgeben wollte, kannte der Kurrutsch für kurze Zeit keinen Halt. Jobs ist es gelungen, eine der erfolgreichsten Firmen aller Zeiten aufzubauen und derartig an seine Persönlichkeit zu binden, daß heute, nachdem er verstorben ist, Zweifel bestehen, ob Apple ohne Jobs überlebensfähig ist. An dieser Stelle verankert sich einer meiner Hauptzweifel an der Werthaltigkeit der scheinbaren Grenzenlosigkeit des Ruhms von Steve Jobs.

 

Steve Jobs erklärte in den Reden, die er nach Bekanntwerden seines Krebsleidens hielt, das ‘Herz’ zum wahren Wegweiser in unserem Leben. In seiner berühmten Stanford-Rede, kurz nachdem er von seinem Bauchspeicheldrüsenkrebs erfahren hatte, führte er den „Tod“ als das „einzige gemeinsame Ziel aller Menschen“ an und berichtete in berührend ehrlicher Weise von seinem Leben und seiner Erkenntnis, wie unwichtig alles Kämpfen und Leiden im Angesicht der unveränderlichen Tatsache der ungewissen zeitlichen Begrenzung in unserem Leben werde. Nun muß sich ein berühmter und erfolgreicher Mann wie er, wenn er nach Jahrzehnten schärfsten Marktwettbewerbs das hohe Lied vom Herzen anstimmt und plötzlich in einem ähnlichen Ton spricht, wie ein geläuterter Philosoph, auch mit dem Maßstab des Herzens messen lassen. Dies sollte auch nach seinem Tod nicht etwa aus Pietät unterdrückt werden, sondern sogar erforderlich sein, wenn man die geradezu frenetische Wirkung seiner Ausstrahlung auf die Menschen betrachtet.

 

Apple ist eine Firma, von deren Mitarbeitern man kaum etwas anderes, als irritierende Geschichten gehört hat. Anders als etwa bei Google, wo ein modernes, soziales Mitarbeiterklima gepflegt wird, prägte Steve Jobs bei Apples Mitarbeitern einen Psychostress, der dem einer streng geführten Sekte glich. Die Londoner Sunday Times berichtete von einem Mitarbeiter, der ihm im Aufzug einmal eine ganz banale Frage nicht präzise genug beantwortete, und den Jobs deswegen sofort fristlos feuerte. Mit zahlreichen anderen verfuhr er angeblich ebenso. Geschichten dieser Art sind zu Hauf vorzufinden, wenn man entsprechende Schlagwörter bei Google eingibt. Man ließt von Steve Jobs cholerischen und angeblich manchmal bis an die Grenze der körperlicher Gewalt reichenden, cholerischen Anfällen, die immer wieder zu spontanen Mitarbeiter-Entlassungen und anderen ungerechten Handlungen führten. Ähnliches bestätigten mir auch zwei ehemalige Apple-Manager mit denen ich vor wenigen Monaten zufällig über das Thema sprach.

 

Im Umgang mit Mitarbeitern und Mitmenschen war beim Firmengott Jobs die selbstgenannte Botschaft des Herzens  scheinbar noch nicht gänzlich angekommen. Zudem stellt sich darüber hinaus tatsächlich die Frage: Was hat das ‘Herz’ mit dem Ziel, eine Monopolstellung zu erreichen, zu tun, bei dessen Erreichen Steve Jobs offenbar eine unbeschreibliche Ausbeutung von abertausenden von Menschen in Kauf genommen hatte? Um die Profitmarge seiner ohnehin völlig überteuerten Produkte nach oben zu schrauben wechselte Jobs für die Produktion des i-Phones und anderer Apple – Bestandteile vor wenigen Jahren, also bereits nachdem er von seinem Herz als Wegweiser gesprochen hatte,  zur taiwanesischen Firma Foxconn nach China. Und dies in einer Zeit, in welcher Apple ohnehin bereits enorm profitabel und fast unangefochten an der Marktspitze stand. Es drehte sich um noch mehr Gewinn. Jobs neuer Auftragnehmer Foxconn ist der weltweit größte Hersteller von Elektronikprodukten und deren Teilen, übrigens nicht nur für Apple. Die Firma wurde 2011 für den Public Eye Award nominiert, mit welchem Unternehmen  ausgezeichnet werden, welche sich laut den Initianten besonders verantwortungslos gegenüber Mensch und Umwelt verhalten. Der New York Times Kolumnist Mike Daisey beschreibt in seinem Essay vom 6. Oktober 2001 eine erschreckende Begegnung mit einem Mitarbeiter der Firma Foxconn in Südchina, dessen Hand sich zu einer Kralle verformt hatte, nachdem sie auf Grund seiner Überarbeitung während der Montage von I-Pads und I-Phones in eine Metallpresse geraten war. Foxccon ist berühmt-berüchtigt wegen der Selbstmorde seiner Mitarbeiter. Die Arbeitsbedingungen werden in Berichten der ‚Zeit‘ als ‚sklavenartig‘ beschrieben. Ein Mitarbeiter ist nach einer 35-Stundenschicht tot vom Stuhl gekippt, erzählt Daisey, der deswegen in China recherchierte. Zudem ist es bekannt, daß es den rund 400.000 Mitarbeitern verboten ist, während der Arbeit zu sprechen (Wikipedia, Zeit). Toilettengänge müssen genehmigt werden. Die Fabrik- und Wohngelände bestehen zumeist aus einer Einheit, wo die Menschen auf engstem Raum zusammenleben. Jeder, der sich selbst aus seinem Wohnraum entfernen will, benötigt eine Genehmigung. Nachdem die Selbstmordrate im Jahr 2010 auf 13 anstieg, gab die Firmenleitung ein Verbot heraus, sich umzubringen.

 

Herz hat mit Mitgefühl zu tun, mit Empathie, mit einem gesunden und sozialen Verständnis für das Zusammenleben, und nicht nur dem Vermögen, sondern dem tiefen Bedürfnis,  zumindest Teile von diesem Ideal im Praktischen umzusetzen. Dieser Qualitäts-Maßstab für den Umgang und die Verantwortlichkeit füreinander sollte nicht nur für i-Phone – Nutzer und solche, die es sich leisten können, gelten, sondern auch für Fabrikarbeiter in China, welche diese Produkte für den Brösel eines Bruchteiles dessen herstellen, für den das glänzend scheinende Produkt auf unserem Wohlstandsmarkt verkauft wird und Apple noch reicher macht. Und diese Verantwortung liegt bei einem davon betroffenen Firmenchef umso mehr, desto mehr er sich zur Vorbildfigur stilisiert oder stilisieren läßt.

 

Gerade heute werden die Werte unseres Zusammenlebens in geradezu inflationärer Weise zitiert, oft, ohne daß die Redenden wirklich reflektiert haben, was sie in der jeweiligen Situation bedeuten mögen. Ein Mann, der die Welt, ihre Kultur und Wirtschaft, sowie die Kommunikation der Menschen derartig beeinflußt hatte, wie Steve Jobs, sollte ein paar Gedanken dazu in den Worten nach seinem Tode vertragen. Mir liegt nicht daran mit der Aufzählung einzelner Begebenheiten den Beweis zu führen, wo die Schattenseiten von Apple und Steve Jobs Schaffen liegen. Das wäre banal und unangebracht. Steve Jobs unternehmerische Leistung ist zweifellos beispiellos und einzigartig. Viel entscheidender erscheint es mir, ein paar Worte über die Verantwortung der Vorbildfunktion und der Macht zu verlieren, die der größte und mächtigste Firmen – CEO dieser Welt innegehabt hat. In seiner Stanford-Rede hatte Jobs selbst die Essenzen dieser Verantwortung mit dem Begriff „Herz“ auf den Punkt gebracht. Genau hier stellt sich für mich die entscheidende Frage in der Beurteilung, ob Steve Jobs lediglich ein verdienter, vielleicht genialer Unternehmer war, oder ob er vielleicht sogar das ihm von großen Menschenmassen zugeordnete Podest einer fast religiösen Lichtgestalt, eines zum Vorbild taugenden, ‚philosophischen‘ Unternehmers verdient.

 

Dabei sehe ich zu allererst, was Jobs für unsere Welt geschaffen hat: Computer und Telefone. Frage: Was hat es mit dem Herzen zu tun, 24 Stunden Iphone und Computer spielen zu können, ohne daß aber dazu eine akzeptable Vision existiert, was diese süchtig machende Verhaltensentwicklung mit der Menschheit langfristig anstellt?

 

Jobs hat der Welt seine Produkte gegeben. Darum hat er sich tatsächlich in genialer Art und Weise verdient gemacht. Auch ich arbeite jetzt mit Apple – Computern. Das macht Spaß, weil sie moderner und cooler wirken. Ich mußte aber feststellen, daß sie ansonsten eigentlich nicht viel anders sind, als normale PCs. Sie funktionieren etwas anders. Sie sind weniger virenanfällig. Das Entscheidende aber ist es, daß sie schöner sind und daß es besser wirkt, mit einem Apple-Produkt herumzulaufen, als mit einem anderen. Apple ist Image. Und Image ist der Inhalt der virtuellen Welt, die uns heute überall umgibt und an deren Gesichtszügen Jobs maßgeblich mitgefeilt hat. ‚Virtuell‘ bezeichnet Dinge oder Begebenheiten, die anders erscheinen, als sie wirklich sind. Aber obwohl Jobs mit weisen Zitaten glänzte, lieferte er uns keine adäquate Philosophie und keinen Impuls für unser auf rechteckige Bildschirme getrimmtes, soziales Leben mit seinen, diese Virtualität wie eine Reißflamme schürenden Produkten.

 

Erfolg dürfte sich bei einem Genie mit einem angeblich so transzendierten Weltverständnis wie dem von Steve Jobs nicht auf Gewinn und Marktbeherrschung beschränken. Das hat es aber. Und das ist soziales Steinzeitniveau, gerade wenn man es neben die sozialen und globalen Erfordernisse an das Zusammenleben in unserer heutigen Zeit stellt. Das Zusammenleben ist durch die Hyperkommunikation, welche unter anderen durch Leute wie Steve Jobs entfacht wurde, nur in der mechanischen Kommunikation einfacher geworden. Doch hat dieser Vorteil auch die Qualität unseres Miteinanders aufgewertet? Im Gegenteil, die sozialen Werte unseres Miteinanders und Füreinanders scheinen sogar abhanden zu kommen in der Überbewertung und Inflation von allem und jedem, durch diese Produkte was kommunizierbar ist. In diesem entstandenen Werte-Vakuum liegt die zentrale Verantwortlichkeit eines Wirtschaftsführers, der Vorbild sein will. Und selbst wenn er es nicht will – es reicht, wenn die Massen ihn für ein Vorbild halten. Es dreht sich ja um die Virtualität der Dinge. Also darum, was ist wirklich, was ist praktisch existent, was ist real? Wie real oder wie virtuell sind dieser  Steve Jobs und seine Philosophie? Gibt es diese Philosophie überhaupt?

 

Seit Steve Jobs tot ist, tauschen sich gigantische Internetgemeinden und trauernde Facebookgruppen zenmeisterartige Sprüche von Steve Jobs aus. Dabei ist nur bekannt, daß sich der große Computerfürst selbst nicht im Geringsten an seine Worte hielt, betrachtet man seinen Managementstil und seinen ungenierten Umgang mit wertvollen Aussagen weiser Philosophen. Die reduzierte er auf den Zweck moderner Marketingslogans, die seinen Produkten in einer Zeit der Veränderung einen weisen und coolen Glanz geben sollten. Den Anstoß für eine zeitgemäße Anwendung, den Sinn und die Wertorientierung seiner Produkte für unser Leben, das von eben diesen Produkten stark bestimmt wird, wahrscheinlich viel zu stark, den blieb er uns schuldig.

 

Da stimmt etwas nicht mit dem virtuellen Heiligen-Schein von Steve Jobs. Den Mann mit dem sympathischen Lächeln wirklich in Ehren. Was er geleistet hat, ist enorm. Aber da ist nichts, was über das Unternehmerische hinausgeht, was ihn wirklich von den Glanzleistungen anderer bahnbrechender Innovateure abhebt. Deswegen reihe ich ihn in meiner Erinnerung auf dem Podest ähnlicher Wirtschaftsführer ein:

 

Da waren beispielsweise Mac und Dick Mc Donald (diese wunderbare Innovation für unsere kulinarischen Genüße), oder Nicolas Hayek  (endlich Plastikuhren, die was wert waren, Herstellungsort später in China), oder Ferdinand  Porsche (machte Pferdekarren überflüssig, die Firma mit den zugegebenermaßen wunderschönen Autos bringt aber bis heute noch keine vernünftige Vision für eine Alternative zum Benzin auf die Beine) – und viele andere.

 

Jobs war nicht der Einzige, der etwas Bahnbrechendes geschaffen hat, über dessen Sinn und Unsinn man sich streitet, weil diese unternehmerischen Genies in ihrem Innovationswahn die Bedürfnisse von uns normalen Menschen und vor allem dieser Welt völlig aus dem Visier verloren haben. Ob es so notwendig war, was sie geschaffen haben, und was es unserer Menschheit wirklich gebracht hat, das haben sie genauso wenig wie Steve Jobs nicht in die Sterne geschrieben. Nur daran würde ich einen, der so spricht, wie Steve Jobs, aber messen. In unserer heutigen Zeit sollte “Erfolg” nicht mehr nur durch die Gewinnmasse, sondern durch den Wertzuwachs für unsere menschliche Gemeinschaft und unsere Welt definiert werden.

 

Technik, Produkte, Handies und Computer haben wir genug. Geld- und Marktjongleure auch. Es fehlt aber bei all diesen Wirtschaftsgurus an Visionären mit zündenden Ideen für unser Zusammenleben in einer Welt, die immer mehr von der Automatisierung, der Technik und nur schwer steuerbaren virtuellen Lebenswelten beherrscht wird und in der es unendlich vielen Millionen Menschen sehr sehr schlecht geht, vielen von ihnen gerade wegen dieses Produktions- und Gewinndrucks. Es sind vermutlich viel mehr Menschen, als diejenigen, die sich ein i-Phone leisten können.

 

Also lassen wir  das mit der Seeligsprechung und dem Weihrauch von Steve Jobs doch lieber. Ein Lorbeerkranz für seine unternehmerische Leistung im klassischen Sinne reicht.

 

 

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)