Geschrieben am 29. September 2011 um 16:36

Ich war naiv. Onlinebanking – Betrug? Ich doch nicht, so ein Blödsinn! Ich hatte gedacht, es trifft immer nur die anderen. Und das sind vereinzelte Unglückliche, deren Schicksal von den Panikmachern zum Katastrophenszenario aufgebauscht wird….(mehr)

 

Menschen, die ihr Geld an Betrüger verlieren, hatten für mich immer etwas Naives. Online – Banking mit TAN – Nummern war für mich immer ein Inbegriff von Sicherheit. “Zu Ihrer Sicherheit”, solch beschwichtigende Worte schreiben die Banken in ihren Begleitinformationen zum Onlinebanking.
Daß ich mir mit der bequemen, elektronischen Zahlweise allerdings die modernen Meisterdiebe direkt nach Hause hole, hätte ich niemals gedacht. So ungern sie es hören: Ich muß den Banken sagen, daß sie das Trojanische Pferd dieser Diebe sind. Es sind ihre Oberflächen, ihre Zahlsysteme, ihre Geldgier, die von den geschicktesten Betrügern der Welt dazu mißbraucht werden, um Unsummen zu verdienen. “Milliarden fließen auf diese Weise ins Ausland auf Geheimkonten!”, erzählte mir ein Kriminalkommisar, als ich in den letzten Tagen hilflos von Pontius zu Pilatus rannte. Ich wollte eigentlich nur meine paar tausend Euro wieder haben und habe mich in den Kampf gegen die Mühlräder der modernen Telefonschleifen- Callcenter- und Abwimmelmechanik dieser ‘wirtschaftlich hochentwickelten Zeit’ geschmissen.
Wollen Sie ein neues Konto eröffnen, drücken Sie die 1, wollen Sie eine Geldanlage besprechen, drücken Sie die 2, wollen Sie eine Investition tätigen, drücken Sie die 3. Keiner sagte aber, “sind Sie beim Onlinebanking betrogen worden, drücken Sie die Alarmtaste rot und wir stellen Sie umgehend zu unserer Betrugsabteilung durch, um Ihnen zu helfen!”. Nein, nein, nein, das wurde mir nicht gesagt. Es war nach Geschäftsschluß, als der Betrug geschah. Klar, die ideale Tatzeit für einen Kontodiebstahl. Denn die Kunden überweisen weiterhin Geld, doch in den Banken arbeitet fast keiner mehr. So hing ich stundenlang in Warteschleifen und wurde von einer unwissenden Person zur nächsten weitergereicht, wohlspürend, daß ich mit meiner immer gereizter klingenden Stimme den armen, unschuldigen und vermutlich schlecht bezahlten Mitarbeitern der Bank Unrecht tat. Doch was sollte ich tun?
Die Polizei! Als kleines Kind hatte ich gelernt, daß die Polizei “dein Freund und Helfer” sei. Und ich lernte in den letzten Tagen, daß an dem Spruch schon etwas Wahres dran ist. Polizisten sind Menschen, die nicht nach dem Gewinnprinzip arbeiten. Auch der Polizeichef muß, so glaube ich ganz naiv, am Jahresende keine finanzielle Gewinnstatistik vorweisen. So war es nach dem stundelangen Herumtelefonieren in den Callcenterschleifen meiner Bank ein Segen, als bei der Münchner Polizei einer ganz schlicht ans Telefon ging, als ich anrief. Als einer einfach da saß, als ich auf die Wache kam. Und mir ein freundlicher Herr in Uniform Ratschäge gab, was nun dringend zu machen sei. Und mir dieser Beamte seine Verständnislosigkeit signalisierte, daß man bei einer Bank zwar 24 Stunden lang Online-Banking machen könne, aber nur einen Bruchteil davon kompetente Personen erreicht, die gegebenenfalls einem Betrug oder anderen Problemen nachgehen können. Doch auch auf der Wache stieß ich schnell wieder an die Grenzen unserer ‘hochentwickelten Zeit’:
Ich hatte ja eigentlich nur einen Strafzettel bezahlen wollen. Deswegen hatte ich das Online-Banking meiner Bank gestartet. Nachdem ich alle Angaben eingegeben hatte, stürzte der Computer nach dem Eingeben der letzten  Ziffer der TAN – Nummer ab. Nachdem ich ihn wieder hochgefahren hatte, war mein Konto bis an die Grenze des Überziehungslimits leergeräumt. Tausende Euros waren weg! Und ich dachte, als ich auf der Polizeiwache saß und meinen Betrug gemeldet hatte, daß ich als kleines Erfolgserlebnis jetzt wenigstens meinen Strafzettel gleich hier auf der Wache in bar zahlen könne. Aber nix da. Da mußte selbst der hilfreiche Polizist passen. Nein, das geht nur durch Banküberweisung, meinte er. Onlinebanking! Mein Konto war aber blank und komplett gesperrt. Und die Zahlungsfrist für den Strafzettel war ausgelaufen!
“Früher haben sie mit Revolvern Banken überfallen, heute geht das Ganze elektronisch”, sagte mir ein Banker ein paar Tage später.

“Das sind Spezialisten, die über Programme verfügen, mit denen sie in Echtzeit parallel und unsichtbar in Ihre private Eingabefläche ihre betrügerischen Daten reinschreiben, während Sie selbst etwas ganz anderes eingeben”, klärte mich ein Kriminalkommissar auf. Er schüttelte genervt und mit hoffnungslosem Gesichtsausdruck den Kopf, als er von der mangelnden Aufklärung der Banken sprach, als er davon erzählte, wie klein seine Abteilung wegen der Personalsparmaßnamen sei, wie hilflos die Polizei in dieser Globalisierung sei, gegenüber gigantischen Verbrechernetzen, die mit internationalem Betrug über Online-Bankingoberflächen normaler Bankkunden Milliarden scheffeln.

Der gleiche Kriminalkommissar sprach von einer “kriminellen Schattenindustrie”, die sich in unserer Welt herangebildet hätte und “praktisch ohne Widerstand” agieren könne, die – angeführt von betrügerischen Banden – immer mehr die Herrschaft in unserer Welt übernehmen würden.

 

“Ich rate Ihnen, arbeiten Sie als Schriftsteller nie vom gleichen Computer aus, mit dem Sie im Netz surfen!”, riet er mir.

Wie soll denn das gehen?

“Virusprogramme bringen nicht genug. Jeder Mensch bräuchte zu Hause zwei Computer, nur so wird es wenigstens halbwegs sicherer. Einen zum Surfen und den anderen für die Arbeit”.

 

Natürlich haben sie mir bei meiner Bank letztendlich versucht zu helfen. Doch das Zetermordio hatte trotzdem stattgefunden.

Ich bezweifle, daß die automatisischen Telefonzentren und Überweisungssysteme den Kunden einer Bank wirklich einen Dienst erweisen. Sie bringen nur der Bank selbst etwas: Finanziellen Gewinn durch die Einsparung von Arbeitsplätzen. Vor dreißig Jahren war ich dort Kunde geworden. Damals haben sicherlich mehr als doppelt so viele Mitarbeiter in der Filliale gearbeitet, als heute. Obwohl sie wahrscheinlich weniger Kunden als heute hatte. Warum mußten so viele Mitarbeiter gehen? Die neuen Technologien….Einsparungen…. Damit sich der Erfolg einzelner Top-Manager im finanziellen Gewinn spiegeln konnte. – Ja, früher, da waren sie noch direkt erreichbar. Da waren der Gier noch Zügel angelegt. Wo sind diese Zügel? Früher haben sich die Geldmanager direkt um die Probleme der Menschen gekümmert. Damals waren Banken noch Dienstleistungsunternehmen, die auch der Oma von nebenan halfen und Service anboten.

Ich möchte einmal wissen, wie es einem armen Mütterchen ergeht, die nicht so durchsetzungskräftig ist, wie ein alter Mühlradkämpfer wie ich. Nein, den Service erhält heute nicht das arme Mütterchen, sondern nur noch der Kunde einer Privatbank oder der Millionär.

 

Und dann dieser Umgang mit der Wahrheit und ihren Zahlen: Ein Banker erzählte mir gestern, daß so etwas, was mir passiert ist, allein bei ihm 4 -5 mal pro Woche gemeldet würde. Auf der Polizeiwache sagten sie mir, das passiere laufend. Der Kriminalkommissar meinte, sicher ca. 40 mal pro Woche würden schwerer Fälle gemeldet. Doch die Dunkelziffer sei viel höher. Nun lese ich, daß die Sprecherin einer Bank erklärt hätte, daß Onlinebanking – Betrug “sehr selten” vorkommen würde. Ja, die Wahrheit und ihre Zahlen meinens wohl nicht mehr sehr gut miteinander…
Deswegen stelle ich mir lieber selber vor, wie die Wirklichkeit wohl aussehen mag. Ich überlege mir, was in dieser unserer Welt wohl passieren wird, wenn solch perfide Betrugs-Mechanismen im ganz großen Stil eingesetzt werden. Diese geradezu genialen Softwaretechniken, dei hier für den Megabetrug eingesetzt werden, bei denen man sich zwangsläufig fragen muß, woher haben solche Leute überhaupt dieses hochqualifizierte Know How, ein elektronisches Virenbetrugssystem zu gestalten, das besser ist, als das der Banken und der Regierungen? Selbst erarbeitet, autodidaktisch in der Garage? Nein. Das muß System haben.

 

Ich stelle mir deswegen weiter vor: Betrüger transferieren mehrere hundert der Griechenland – Milliarden auf ihre Geheimkonten. Sie laßen mit ihren elektronischen Aktionen die Börsen erzittern. Sie greifen mit unsichtbarer Hand in unsere Gesellschaften hinein und schütteln und würgen hier und dort mal ein bißchen, damit von den Bäumen die Goldsäcke herunterfallen.
Vielleicht geht in der Wirtschaftskrise und der Griechenlandkrise und all diesen Krisen deswegen nichts weiter, weil es Merkel, Obama, Sarkozy & Co ähnlich geht wie mir: Sie hängen in Warteschleifen. Sie warten auf Besprechungstermine. Sie kämpfen gegen unsichtbare Mühlräder. Gegen unerfindliche Statistiken, plötzlich aus dem Nichts auftauchende Herabstufungen von Rating-Agenturen, die auf Zahlen und Geldbewegungen basieren, die auch Wirtschaftspolitiker nicht mehr nachvollziehen können. Und während dessen werden die gestohlenen Beträge immer mehr zersplittert und immer weiter weg überwiesen, bis sie außer der Reichweite von uns irdischen Menschen angelangt sind.

 

Weit weg von uns naiven Bürgern, die mit rechteckigen Augen vor ihren Bildschirmen sitzen, immer hypnotisierter von dieser herumkursenden Mouse, den Flimmerbildern, Halbwahrheiten und Chatforen, und die wir dabei alle selig denken, daß alles völlig in Ordnung ist.

 

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)