Geschrieben am 3. September 2011 um 16:06

Nein,ich bin kein Künstler. Ich wollte zwar immer einer sein. Aber ich bin nie einer geworden. Habe keine Akademie besucht. Keine lebenslange Bildermal- oder Kunstwerkeerstell-Laufbahn hinter mir. Obwohl ich alle möglichen Bilder gemalt habe, bin ich ja noch lange kein Maler. Ich finde, man ist dann etwas, wenn man von dem so viel gemacht hat, dass man bis in die tiefsten Innereien dessen eingedrungen ist und sich damit auseinandergesetzt hat. Und wenn diese Tätigkeit zum Lebensinhalt geworden ist. Das war bei mir zwar oft so, aber dann hab ich mich wieder mit etwas anderem identifiziert. Ich habe Hinz und Kunz vermarktet und dann ein paar Filme produziert. Aber ich empfinde mich deswegen genauso wenig als Hinz und Kunz-Vermarkter oder als ein Filmproduzent, wie einer, der ab und zu mal Brötchen bäckt, ein Bäcker ist. Ich koche mehrmals am Abend, weils mir meistens besser schmeckt, als im Restaurant. Und weil ich mich zu Hause nicht mit der oft so komplizierten Aritmetik des Umgangs mit quängeligen Bedienungen beschäftigen muß. Deswegen bin ich aber noch lange kein Koch. Haufenweise Fernsehsendungen habe ich auch produziert. Aber bin ich deswegen Fernsehproduzent? Vielleicht war ich Haufenproduzent, weil mehr als der Programmhaufen, den ich erzeugt habe, schwebt meiner Erinnerung nicht vor. Ich  produziere zur Zeit absichtlich und mit Fleiß Nichts und ich will für diesen programmverschlingenden Fleischwolf, der keinen mehr anständig bezahlt auch nichts mehr produzieren. Deswegen empfinde ich mich eher als ein Antiproduzent. Es fällt mir nämlich einfach nichts Rechtes mehr ein. Ich habe keine Ideen, die in diese Fernsehprogramme passen würden. Ich habe Schauspiel studiert. Danach habe ich in ein paar Filmen und Theatern gespielt. Obwohl das jahrzehntelang her ist, laufen heute immer noch irgendwelche Filme mit mir, so wie gestern dieser Tatort, der schon unzählige Male lief, so oft, dass ich mich eigentlich Schauspieler nennen könnte, obwohl mein umgerechneter Verdienst daran mit jeder Ausstrahlung immer mehr zur Pfenningspalterei wird. Schauspieler haben leider keine Lobby. Sie sind die einsamsten Künstler der Welt und werden leider nach Buyout bezahlt, d.h. du kriegst später nichts mehr. Gestern hat mir eine alte Freundin erzählt, daß ein großer öffentlichrechtlicher Sender eine neue Produktion aufgelegt hätte, die unter dem Spitznamen “Minus 20%” kursiert. Das heißt jeder engagierte Künstler bekommt 20% weniger, sonst darf er nicht mitmachen. Ich habe mir gedacht, Gott sei Dank bin ich kein Schauspieler oder zumindest nicht einer, der unter die Minus 20% – Klausel fällt, denn ich verdiene als Schauspieler nichts. Lieber im Sandkasten ohne Spielzeug mitspielen macht keinen Spaß. Nur für Musiker sind die Rechte ihres künstlerischen Schaffens so organisiert, dass sie für die spätere Nutzung ihrer Werke immer etwas bekommen. Warum nicht auch Schauspieler, Maler, Regisseure? Der englische Regisseur Nicolas Roeg hat mir einmal erzählt, dass er für seinen Film „Don’t Look Now“ („Wenn die Gondeln Trauer tragen“) ein verschwindend geringes Buyout – Honorar bekommen hatte. Sonst nichts und nie mehr etwas. Der Film gehört ihm nicht einmal. Nicht einmal der Regisseur eines der wunderbarsten Filme der Filmgeschickte kann von seinem Film leben. Aber immerhin ist er Filmregisseur und er kann diese vermaledeite Frage beantworten. Auf die mich am meisten nervendste Frage der Welt „Was machst du gerade?“ kann er immerhin sagen: „Einen Film bereite ich vor.“ Er hat sein Leben lang immer Filme gemacht. Ich habe immer wieder etwas anderes gemacht. Jetzt habe ich plötzlich ein Buch geschrieben. Ich schreibe auch Blogs. Nur fällt mir in der letzten Zeit leider nicht mehr so viel ein und es mangelt auch zunehmend an meiner Lust dazu. Doch ja, als Autor empfinde ich mich irgendwie schon. Doch wenn mich einer fragt, „was machst Du gerade?“, was soll ich dann sagen? Dass ich ein Buch vorbereite oder was? Es geht ja schon wieder weiter: Plötzlich soll ich auf Kampfsport-Kongressen auftreten und etwas über die Wiederentdeckung der Werte erzählen, weil dies ein zentrales Thema in meinem Buch ist. Doch bin ich deswegen ein Redner oder ein Wertespezialist? Ich habe mich zwar intensiv mit diesem Thema beschäftigt, ja, und ich kann sicherlich Einiges dazu sagen. Aber deswegen bin ichs noch lange nicht, was alle denken, die mich fragen, was ich gerade mache. Denn eigentlich und letztendlich bin ich nur ein kleiner, suchender Mensch, der weiß, dass es plötzlich vorbei sein kann und der sich für so unglaublich viel interessiert in diesem unglaublichen Leben, dass er am liebsten gleich mehrere Leben gleichzeitig leben will. Was mache ich also? Nichts, glaube ich, das ist das Meiste, was ich mache. In diesem Moment, gerade, wenn ich in die letzte Taste für diesen Text gehauen habe, mache ich wieder Nichts. Vielleicht bin ich Nichtsmacher von Beruf.

Der Nichtsmacher

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)