Gestern habe ich in den Fernsehnachrichten wieder reihenweise sich verbeugende japanische Atommanager gesehen. Deswegen habe ich meinen Text über das Verbeugen im Kapitel “Respekt und Achtsamkeit” meines Buches ein wenig umgeschrieben. Ich erinnerte mich an meine ersten hilflosen Versuche, mich zu verbeugen. Meine anfänglichen Schwierigkeiten, den Kopf zu senken, beruhten auf der kokosnussartigen Härte meines Egos. Nachdem ich meinen inneren Widerstand aber überwunden hatte, bereitete mir ein neues Problem Kopfschmerzen. Wie verbeuge ich mich am besten? Wie macht man das richtig, gut, am besten? Dazu gab es leider keine Anweisungen. Welche Bewegung sollte ich den machen? Nur den Kopf ein wenig neigen oder auch die Schultern mitbewegen? Den Oberkörper nur ein Stück vorbeugen, oder ganz nach unten sinken lassen? Und wie lange unten bleiben? Und was ist dabei mit den Armen? Wenn die dabei ziellos herumschlenkern, das ist doch peinlich! In meiner ersten Taekwondo-Trainingsstunde schaute mich um. Ich stand ganz hinten in letzter Reihe, auf dem letzten Platz. Ein Anfänger eben. Der Blick nach vorne wurde mir von den Fortgeschrittenen verstellt: Das Schlimmste war: Da ich mich gleichzeitig mit den anderen verbeugen mußte, konnte ich mich nicht besonders gut umsehen, um mir etwas von deren Verbgeugungstechniken abzugucken. Ich musste also mutig sein. Ich war gezwungen, meine eigene Verbeugung zu entwickeln. Eigentlich, wie alles in meinem Leben, mußte ich auch meine Verbeugung selbst entwickeln. Nach wenigen Trainings hatte ich mir eine Art angewöhnt, mit der ich mich wohlfühlte und die ich bis heute praktiziere:  Ich nehme die rechte Hand an die Brust, während der linke Arm locker nach unten hängt. Dann neige ich den Kopf ein wenig und bewege meinen Oberkörper von oberhalb des Solarplexus aus mit einer dynamischen Bewegung nach unten. Die Tiefe der Verbeugung mache ich von meiner Laune abhängig und vom Anlass. Ich entdeckte im Laufe der Zeit, dass das Verbeugungsritual noch eine andere Funktion erfüllt als die, dem Gegenüber Respekt zu bekunden. Der Vorgang des Verbeugens selbst hat es in sich: Er nimmt ein wenig Zeit in Anspruch. Dadurch bin ich gezwungen, innezuhalten, egal was mich in dem Moment beschäftigt. Jucken, Kratzen oder Herumgucken verbieten sich von selbst, und es fällt mir auch nicht leicht, beim Verbeugen weiter über irgendeinen Ärger nachzudenken. Die Verbeugung ist ein zeitliches Vakuum, das sich automatisch mit der Konzentration auf den Moment des Geschehens anfüllt. Sie ist eine Art Minimeditation. Dies funktioniert aber nur, wenn man das Ganze bewusst macht. Ich halte daher die innere Haltung bei der Verbeugung für essentiell. Wenn die Verbeugung automatisch stattfindet, ist sie sinnlos. Ich bin mir nicht sicher, mit welcher inneren Haltung, welchem Bewusstsein und welcher Einstellung, die vielen japanischen Politiker und Atommanager ihre unzähligen Verbeugungen machen, die wir zur Zeit pausenlos über den Bildschirm flimmern sehen. Eine Verbeugung ist keine Entschuldigung. Sie ist eine Bewusstmachung. Nur dann ist sie Respekt, die körperliche Ausübung von Respekt und Achtsamkeit. Genau in jenem Innehalten, das während einer Verbeugung stattfindet, äußert sich das, was Respekt und Achtsamkeit ausmachen: Loslassen. Man läßt die eigenen Identifikationen, Imagebilder und erstarrten Meinungskonglomerate einfach einmal los. Man lässt den anderen so sein, wie er ist. Seit mir diese Zusammenhänge klarer geworden sind, empfinde ich Respekt und Achtsamkeit nicht mehr als etwas, das Anstrengung oder Überwindung kostet. Es bedeutet eher die Akzeptanz dessen, was sowieso da ist. Es ist eine Haltung, die der Aktivität bedarf. Aber es ist eine nach innen gerichtete Handlung, bei der man bewusst innehält. Vielleicht sollten wir das mehr üben. Uns selbst gegenüber, den Immigranten gegenüber, aber auch den japanischen Atommanagern und Politikern gegenüber, die zur Zeit mit ihrer vermuteten Desinformation den Haß der Welt auf sich ziehen. Ich empfinde Respekt nicht als etwas, was man portionsweise oder fein dosiert je nach Beliebtheit oder Gutdünken verabreicht. So wie es eine Verbeugung beinhaltet, ist auch Respekt eine Grundhaltung. Die aber verbietet nicht, zu kritisieren. Ja, es gibt vermutlich extrem viel zu kritisieren, an dem, was in Japan passiert. Das fühle ich irgendwie. Doch um es wirklich zu tun, dazu fehlt es an Information. Vielleicht sollten ich das Loslassen mehr üben, vielleicht immer gerade dann, wenn ich glaube, eine ganz felsenfeste Meinung zu etwas zu haben. Die ist, was Japan betrifft, verheerend. Ginge ich nach meiner Meinung, könnte ich mich gegenüber diesen Managern nicht mehr verbeugen. Doch gehe ich nach dem Prinzip der Verbeugung, so geht es doch. Und der durch die Verbeugung gewonnene Raum erlaubt es mir, mich auf das zu konzentrieren, was als nächstes bevorsteht und von dem ich ja nicht weiß, was es ist. Vielleicht der nächste Gau? Nein. Superkatastrophen kommen immer in einer ungeahnten Mutation. So bleibt mir nichts anderes, als mich vor diesem Leben, das in diesem Moment wurzelt, tief zu verbeugen.

Lesung zum Thema Verbeugung aus dem Buch "Gewinnen ohne zu Kämpfen" von Christian Seidel am 29.3.11 im Münchner Literaturhaus

Lesung zum Thema Verbeugung aus dem Buch "Gewinnen ohne zu Kämpfen" von Christian Seidel am 29.3.11 im Münchner Literaturhaus

 

Kommentare

comments

 

“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)