Geschrieben am 2. März 2011 um 18:07

Nach dem Rücktritt von zu Guttenberg habe ich ein bißchen im Fernsehen herumgezappt. In den Tagen vorher hatte ich immer größere Widerstände gegen Bildschirme entwickelt, in denen Politikergesichter zu sehen sind. Irgendetwas wurde mir in den letzten Wochen immer mehr zuwider. Ich weiß nicht, ob ich zu Guttenberg nun wirklich gut oder schlecht finde. Ich war mir nicht so richtig klar, ob auch ich in das Geheule einstimmen will, das von der einen Seite kam: Zurücktreten! Oder in jenes, das von der anderen Seitetönte: Nein, er muß bleiben, er ist die große Hoffnung!!! Alles wurde mir zu viel. Die Bundestagsdebatte eine Woche vor seinem Rücktritt, in der er sich entschuldigt hatte und in der er anschließend auseinander genommen wurde, empfand ich geradezu ekelerregend. Das Zerfetzen auch nur jeder Äußerung dieses Politikers, der ja immerhin auch ein Mensch ist, diese abgrundtiefe Respektlosigkeit empfand ich zum Kotzen. Nicht einmal über Kinderschänder, Mörder oder andere Schweine wird im diesen Kreisen derartig öffentlich abgekotzt. Die deutsche Politik hat sich in den letzten Wochen erbrochen. Offensichtlich ist in den Politikergehirnen eine glühende Schublehre gewachsen, mit der sie die Wortsilben und Halbsätze ihrer Gegner und Konkurrenten abmessen, um sie danach feinsäuberlich zu filletieren, wie sadistische Perverse, um sie genüßlich zu schlachten. Auf einen Fallenden zu treten ist unanständig. Auf einen Gefallenen noch weiter zu prügeln entbehrt allerdings jeglicher Sitte und jedem Wertegefühl. Wie gesagt: Ich kenne zu Guttenberg zu wenig. Er ist mir ehrlich gesagt auch ziemlich egal, genauso, wie die anderen Politiker. Manchmal ging mir der Mann mit seinen medialen Inszenierungen ein wenig auf die Nerven. Aber seine offene Art war zugegebenermaßen wohltuend in der Welt der scheinheiligen Falschheit. Zu Ehrlichkeit und zu Offenheit gehört, daß Fehler sichtbar werden. Kein Mensch ist fehlerfrei. Genau das heucheln aber diese sabbernden Politikermäuler, die sich wie die Hyänen über jede verfügbare Beute hermachen. Wie die Polterer in den Trashtalkshows lieben sie das Mediengeräusch, das sie dabei erzeugen. Wir müssen das mit anhören, wir müssen dieses bleckende Grinsen ansehen, wenn sie nach dem Fall ihres Opfers genüßlich ihre neuen Vorteile in Position bringen. Nein. Diese Politiker will ich nicht mehr. Aus dem Bauch gesprochen: Sie sollen alle abtreten. Wir brauchen verantwortliche Menschen mit Rückgrat und mit Anstand in unserer Führung. Keine Wendehälse. Wir brauchen eine Erneuerung für unser gesamtes demokratisches System. Die weltpolitische und weltwirtschaftliche Lage zeigt uns das mit Dringlichkeit auf. Was auf den Überholspuren um uns herum abgeht, sollte alarmierend sein. Es muß endlich ein Ende haben, was in unserem verrotteten Parteiensystem, das sich Demokratie nennt, vor sich geht oder besser gesagt: Was nicht vor sich geht. Während an den wichtigen Fronten halbgar herumgespachtelt und geflickt wird, quellen um uns herum Krisen auf, die immer gefährlicher werden. Das verlogene Hartz IV – Getue grenzt an Menschenverachtung. Das Fordern von Sanktiönchen gegen Gaddafi ist im Angesicht der Geschäfte, die wir mit diesem Massenmörder gemacht haben, zynisch. Unsere Verpflichtung gegenübef dem libyschen Volk sollte äquivalent zu dem Milllarden Euros und den tausenden Waffen stehen, die unsere Länder in den letzten Jahren zu Gaddafi geschickt haben. Der Umgang mit Flüchtlingen ist armseelig. Die von uns betriebene Globalisierung fordert und unser Anspruch, in anderen Ländern tätig zu sein, bedingt unsere Verpflichtung, auch Menschen aus anderen Ländern bei uns aufzunehmen. Was schadet es uns, ein paar tausenden Flüchtlingen aus Libyen Unterkunft zu stellen? Warum unterstützen die reichen EU-Staaten die Leidtragenden der Flüchtlingswellen, wie Italien, oder Griechenland nicht? Was sollen Statements wie die des Verteidigungsministers de Maiziere, es würde doch “keine Flüchtlingswelle gegeben und man solle sie nicht heraufbeschwören?” Warum helfen EWU-Staaten nicht einander? Warum wird geduldet, daß dasd EU-Land Ungarn die Pressefreiheit abschafft und noch viel mehr: Warum darf der Mann, der das tut, Victor Orbàn EU-Ratspräsident werden? Warum machen wir das Theater mit Berlusconi jahrzehntelang mit und nehmen hin, wie eines der wirtschaftlich und kulturell bedeutendsten Länder heruntergewirtschaftet wird? Und so weiter. Unsere Selbstgefälligkeit ist nicht zu überbieten. In diesem, unseren sich ständig selbst lobenden System, können wir zwischen Parteien wählen, deren Unterschiede in vielen entscheidenden Bereichen keine nennenswerten Alternativen anbieten. In diesem unseren medienopportunistischen Staat sagen Politker das, was die Chefredakteure gerne auf die Titelseite drucken. Wegen dieses Dilemmas die Medien zu kritisieren, wäre falsch. Wieder würde damit die Schuld weggeschoben. Gott sei Dank haben wir die Medien, die nichts anderes sind, als ein Spiegelbild dieses Politikwahnsinns, in dem offensichtlich kein verantwortlicher Mensch arbeitet, der den Mut hat, mit der Ehrlichkeit, der Wahrheit, den Werten und dem zu beginnen, was wirklich zu tun ist. Dafür braucht es nämlich keine großen Debatten. Was zu tun ist, liegt in allen Bereichen auf der Hand!

Aus diesem Grund rufe ich zum Boykott dieses Systems auf. Gezielt nicht zu wählen ist eine eindeutige und engagierte, politische Haltung. Sie ist genauso legitim, wie die Freiheit zu wählen. Außerdem sollte jede sonstwede Kooperation mit diesen Figuren in Zukunft gemieden werden. Mahatma Gandhi hat für diese Formen des Widerstandes große Beispiele geliefert. Jedwede Kooperation verweigern, solange, bis diese Personen und Parteien weg sind und Persönlichkeiten die Ämter bekleiden, die von Integrität nicht nur eine theoretische, sondern auch eine praktische Ahnung haben.

Christian Seidel

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)