Geschrieben am 13. Februar 2011 um 06:00

So. Das wars. Eine Woche gezielt wertvolles Leben reicht. Pilotversuch abgebrochen und fertig. Ich will mich nicht verrückt machen. Mein Leben darf sich nicht an der Stimmung einer Bäckerin ausrichten, die mir keine Semmel verkaufen will. Auch nicht an Leuten, die mich versetzen und nicht an dem Mann, der seinen Hund auf den Gehsteig kacken läßt. Werte neigen zum Hirngespinst. Zum Konstrukt. Zum gedanklichen Moloch. Die Praxis hat mit Werten nicht viel zu tun. Sie ist Krieg und Frieden in einem. Der Wert entsteht durch meine Selbstbestimmung und die verliert, umso mehr ich mich von äußeren Einflüssen abhängig mache. Alles ist doch möglich. Wenn mir der berühmte Typ auf der Straße begegnet und meint, ich sei ein Arschloch, was ist dann? Ja! Was soll dann schon sein? Scheiß drauf. Soll er doch labern. Es ist meine Entscheidung, ob ich in meinen Gefühlen ersaufe, oder zu schwimmen beginne. Wenn ich mich darüber aufrege, bin ich genauso selbst schuld, wie ich es bin, der sich freut, wenn ich über einen Witz lache oder wenn mir eine Frau sagt, daß sie mich liebt. Man kann auch darüber enttäuscht sein, wenn einem die Liebe gestanden bekommt, weil man sich vielleicht einbildet, dass das auf die falsche Art geschehen ist. Ich fühle mich wie ein Schwächling, wenn ich ständig die Werte zitiere, wie Krücken, ohne die ich nicht gehen kann. Das Ganze ist so banal, dass es mich verwundert, warum man darüber überhaupt Worte verlieren muß. Wenn ich nach draussen schaue, raus aus mir selbst, dann geht dort alles schneller. Oder langsamer. Draussen herrscht ein anderes Tempo. Ein Anderes! Kein Besseres, kein Schlechteres. Anders einfach! Unkalkulierbar. Deswegen kann die einzige Chance nur die sein, bei mir zu bleiben. Wie oft habe ich mir das schon gesagt. Werte gezielt zu leben ist deswegen ein Schuß nach hinten. Das habe ich eigentlich in meinem Buch sowieso geschrieben („Gewinnen ohne zu Kämpfen“, vielleicht ab 28. März auf dem Markt). Solche Versuche arten zu leicht in den Versuch aus, das äußere Tempo auf das innere zurechtzustutzen, mich oder die anderen zu dem zu vergewaltigen, was ich mir vorstelle. Ich orientiere mich dann nämlich automatisch nicht nur nach mir selbst, sondern auch nach dem, was um mich herum stattfindet und beurteile ständig. Werte bewusst zu leben, artet leicht in ein ständiges Bewerten und Vergleichen aus und das ist die Quelle der Verbissenheit, der spießbürgerlichen Quadratschädeligkeit, der Tendenz zum Tyrannentum, vermutlich zur Diktatur, wenn man ganz weit greift. Aber fühlen kann man diesen weiten Klammergriff bereits im Kleinen: Im kralligen Würgen von Stimmungen, dieser Hochs und Tiefs, die den Hals zuschnüren. Eine selbst errichtete Diktatur der Werte schnürte einem die Kehle zu. Erzwungene Werte machen das Leben zu einem Hasten nach dem Richtigen, und zu einem Strampeln gegen den Untergang im Falschen. Der Moment geht vollkommen verloren und das ist doch das Einzige, was es gibt und was überhaupt einen Wert hat. Ich habe in der letzten Zeit oft überlegt, was eigentlich so ein ‚Gutmensch‘ ist, von dem in letzter Zeit so oft gesprochen wird. Genau das ist er: Derjenige, der es besonders toll und richtig zu machen versucht und sich dabei an irgendwelchen abstrusen Vorstellungen und seinen Bewertungen der Anderen orientiert. Gutmenschen sind Verhaltensfaschisten. Ihr Leben geht in Regeln unter. Das Leben, in dem es nur eine Regel gibt, nämlich dass es keine gibt. Versuchte ich diesen Wahnsinn, die Werte zu erzwingen, weiter in die Tat umzusetzen, würde ich mich wegen dieser Aussichtslosigkeit immer mehr aufregen. Und kaum daß ich mich versehe, bin ich in einem System vom Aktion und Reaktion verheddert, in dem es gefährlich eng und explosiv wird. Die Selbstauflage, 50 Tage lang wertvoll zu leben und der Versuch darüber auch noch zu schreiben, nur der Disziplin oder irgendeines Prinzips wegen, würde zum einem sinnlosen Martyrium werden, anstatt, dass das Ganze mein Leben schöner macht. Ein Hirnriß. Völlig beknackt. Ein Rucksack, den ich nicht will, nicht brauche. Ich sehe unter seinem Gewicht die Bäume nicht mehr, das Funkeln der Augen anderer, den Witz mancher Worte, ich spüre meinen Atem nicht mehr, die Begegnungen rauschen an mir vorbei, in diesem Gehirnkrampf. Und all dies ist eigentlich das, was so schön sein könnte. Ich habe selbst geschrieben, daß man aus diesen Werten keine Doktrin machen darf. Aber was tue ich? Genau das! Vielleicht ist es gut, sich mit den Werten mal intensiver zu beschäftigen. Doch dann muss man sie wieder vergessen. Wie eine Sprache, die man gelernt hat. Beim Sprechen denke ich auch nicht ständig an grammatikalische Regeln. Wenn ich während einer Unterhaltung an die Rechtschreibung der Worte denken würde, die ich sage, würde ich vermutlich verrückt werden, oder nur noch Schwachsinn reden, oder so wirken, wie ein Bekloppter, weil ich mich ständig unterbrechen muss, wegen des Nachdenkens, wegen den Fallbeilen, den Schranken, den Hämmern, den Federn und Vögeln, die in meinem Inneren herum düsen. Wenn ich beim Sex über die Regeln der Liebe oder die Zyklen der Frau nachdenken würde, oder das Maß des Anstands, wie ich mich während des Liebesaktes mit einer Frau verständige, würde ich schnell in mir zusammenfallen. Genauso wenig können die Werte in der Praxis konsequent gelebt werden. Sie sind eine utopische, idealistische Intention. Eine schöngeistige Ideologie. Und zurzeit ein cooles Modemahnmal, das man leicht zitieren kann, um gut anzukommen. Dieses Gerede um die Werte ist ein theoretisches Geschwätz, weil keiner wirklich etwas davon versteht, es sei denn, er hat sich intensiv damit und mit sich selbst beschäftigt. Mein Praxisversuch hat mir gezeigt, aber bitte nicht missverstehen, m i r gezeigt (bei anderen kann es anders sein), dass wenn ich mich darin verbeiße, mir das Lachen vergehen würde. Ich würde zu einem engstirnigen, humorlosen Hirnidioten werden. Wenn ich aber vor lauter Werten nicht mehr lachen kann, dann wäre ich an mir selbst gescheitert. Das wäre gar nicht komisch. Dabei ist es sogar erlaubt, auch über absolut Unkomisches zu lachen.

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“The Biographer” – feature film

“The Biographer” – feature film
Feature Film, in dessen Zentrum der Widerspruch zwische Image und Wirklichkeit im Leben von Prinzessin Diana steht. Regie Phillip Saville, mit Faye Dunaway, Paul Mc Gann, Hugh Bonneville. Produzent Christian Seidel - (Feature film about the contradiction between image and reality in the life of Princess Diana. Directed by Philip Saville, starring Paul Mc Gann, Hugh Bonneville and Faye Dunaway. Produced by Christian Seidel)